ELISABETH RUNGHOLD - Lyrik und Prosa eines friesischen Fräuleins

Heimat & Ferne

 

 

Friesland

 

 

Daß man keinen Strich gepriesen
niedrer Lande längs der See
mehr als diesen deutscher Friesen,
liegt nicht nur am heißen Thee.

 

Aus der Seine kennt die Leiche
jeder ob Ertrunkenheit.
Doch vergleiche, was vorm Deiche
erst ersoffen seit der Zeit.

 

Es verschlangen frech die Fluthen
Mann und Magd und Volk und Vieh.
Meist genügten fünf Minuten,
bis den Todt die Tiefe spieh.

 

Wehdem, Wuth des Fluthensturmes
brach zu Berstung Bug und Kiel !
Nur der Blick des Watten-Wurmes
späht die Splitter tief im Pril.

 

Schifft man über Rungholds Stätte
hoch durch Dünung beiderseits,
hilft nur schlingernd die Tablette
vor der ärgsten Brecher Reiz.

 

Vor der Völlerei dich hüten
sollst du, weht 's aus West bis Nord.
Sonst, ermangelt es der Tüten,
wirf den Übolus von Bord.


Andrer Steuermann erschaute
plan wie Plättbrett müdes Meer.
Nein, es fördert auch die Flaute
der Beförderung nicht sehr.

 

Lobenswerth sind andern Theiles
viel die Früchte solcher Fluth :
Wer gezehrt vom Butt des Heiles,
gern entbehrt des Störes Brut.

 

Hering heißt es zu entgräten,
daß zum Roll-Mops er gelingt.
Mit dem Daumen dann man dreht en,
bis ein Holz ins Herz ihm dringt.

 

Huldigt hier der Hauptstadt Husum,
wo mit Poppen Storm gespält.
Hochberühmt auch Hafen Busum,
wo man Crabben kocht und schält.

 

Ach, es bricht an deiner Küste
brackig, Friesland, die Brandúng,
weil sie keine bessre wüßte.
Hör nur hin, es holded rung ...

 

 

 

 

 

 

Polarkreis

 

 

Wer dort will die Welt umfahren,
wo Kompásses Pique hinweist,
quert die Linie des Polaren,
die um den Planeten kreist.


Wo die Völkerschar des Plebses
weiter südlich noch erblickt
Affen an dem Kreis des Krebses,
ist der Norden nicht bestückt.

 

Beim Erreichen armer Thundren
ist es mit dem Vieh vorbei.
Dafür wirft, man mag sich wundren,
hier das
[1] Elch mit dem Geweih.

 

Lappen lagern in den schlechten
Jagdreviren darbend, denn
frißt das Wild die frischen Flechten,
reicht 's nicht für die Tiere-Renn.

 

Herings Brut und Krill-Geziefer
nährt sich nur von Wasser-Stoff.
Landwärts lehnt die Krüppel-Kiefer
an dem Felsenschrunde schroff.

 

Nur des Mooses magre Fransen
an der Schären Klippenstrand
sah'n passiren Frithjof Nansen,
der sich polwärts hingewandt.

 

Leider fand er sich wohl später,
wo die Flut nicht feucht mehr schwemmt,
weil zu kalt das Thermometer,
fest im Eise eingeklemmt.

 

Ja, des Forscherthums Microbus
mehrt sich, bis es dann zu spät.
Mir gereicht daheim der Globus,
welcher auf dem Simse steht.


Wenn dich dennoch will verleiten
der Entdeckung schlimmer Sport,
feg den Staub auf Nordpols Breiten
mit dem feuchten Finger fort.

 

 

 

[1] Der heute befremdlich anmutende Artikel konnte nachgewiesen werden bei einem der Lieblingsautoren der Dichterin: in den Skaldengesängen des Philipp Graf zu Eulenburg (1847-1921).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Helgoland

 

 

Es rauscht die Fluth, es hebt die Tite
sich zwiefach täglich aus dem Meer.
Noch sitzt auf Helgoland der Brite
und schielt nach Tanganjiekern sehr.

 

Threu trutzt den Wellen wild im Storme
des roten Felses GOttgewalt.
Auch macht Orkanwind, der enorme,
scheu vor der Langen Anna Halt.

 

Es kriegten kriegerisch in Harnisch
sich Engelland und der Franzos.
Sie machten ganz auf Afrikarnisch
und wollten aufeinander los.

 

Man traf sich in Sudanes Mitte.
Die Hitze schmoltz der Waffen Stahl.
Germania lacht, des Streites Dritte.
(Die Neger trommeln froh im Kraal.)

 

So kam zu Kaisers Colonien
das Sonneneiland San Sibar.
Victoria hat 's nicht verziehen,
auf neue Ränke sann sie da.


Die Perle, fern im Oceane,
nach ihr voll Gier die Königin
den Handschuh reckte mit dem Plane:
Für dich gäb ich Land Helgo hin !

 

* * * Hier fehlen 35 Strophen, vermutlich weitere kolonialpolitische Betrachtungen der Autorin aus heimatkundlicher Sicht. Sie wurden am 3. Weihnachtstag des Jahres 1891 durch einen Zimmerbrand vernichtet. Die vorhandenen Strophen blieben erhalten, da sich der Inhalt des in Flammenhitze berstenden Goldfischglases auf das Manuskript ergoß. Das Haustier, unfreiwilliger Retter mit Namen Jonas, überlebte das Inferno nur um wenige Minuten. * * *

 

Nun hat ein jeder seinen Frieden.
Doch käm die Queen zu tauschen nun
die wild zerklüfteten Hebriden
für Deutsch-Südwest, für Camerun,

 

so laß, Caprivi, nicht bekirken
dich mehr von Weiber List und Tück'.
Trenn gern dich von den Rand-Bezirken,
doch nicht vom braunsten Bratenstück.

 

Es rauscht die Fluth, es hebt die Tite
sich zwiefach täglich aus dem Meer.
Es  s a ß  auf Helgoland der Brite,
das gibt der Kaiser nimmer her.

 

 

 

 

 

 

Mein Fehmarn

 

 

Was Formosa dem Chinesen,
Ceylon zählt dem Indermann,
krönt auch Holsteins Insel-Wesen:
Fehmarn. Seht es euch nur an. 

 

Wo die Griechen grüßet Kreta -
hundert Meilen nicht genurg -
liegt 's nur zwanzig Kilometer
von der Hauptstadt Oldenburg.


Was Neu York das Eiland Rhodes,
was dem Neger San Sibar,
liegt dem Bürger Großenbrodes
deutlich vor den Augen dar.

 

Sinnend steh ich an den trüben
Wassern überm Meeresgrund.
Meine Sehnsucht drängt nach drüben.
Doch es trennt so sehr der Sund.

 

Herz, sag an, wo weilst du lieber ?
Møn und Mainau warten weit.
Frisch, mein Fährmann, setz mich über.
Floß, gen Fehmarn geht es heut !

 

An Burg-Tiefes Riviera
trifft sich, wer zu gelten hat.
Meidet Sonne auch Madeira,
brät sie hier im Ostseebad.

 

Trägst den Teint du aus der Halle
des mondainen Kurhotels :
Sonnenbrand wie Feuerqualle
bringt der Poren Schweiß zum Schmeltz.

 

Fleißig fischen Fehmaraner
Hecht und Hering. Gern genießt
man als Rollmops nach getaner
Müh ihn, der am Stabe spießt.

 

Stabers Spitze, Cap im Süden,
auch bei Markelsdorf ein Huk,
dies im Norden abgeschieden.
Ja, zwei Caps sind schon genug.

 

Klimmst du hoch zum Hinrichs-Berge,
schwindelnd
[3] auf dem Gipfelkreuz,
wird der Wartturm dir zum Zwerge,
bringt ein Blick dich bis Scharbeutz.


Wende dich sodann nach Norden,
wo schon dräut polare Welt:
Holsteins Thule sieh, Puttgorden,
letzte Siedlung vor dem Belt.

 

Lieblings-Insel, mein Fehmarne,
schwimmest stolz auf Ostsee-Fluth
wie im Tee das Häubchen Sahrne.
Ach, wie tut ihr beiden gut !

 

 

 

[3] Obschon sich der Gipfelpunkt des Hinrichs-Berges bei Meeschendorf auf der unwirtlichen Höhe von 27 Metern über Meereshöhe befindet und nicht ohne erfahrenen einheimischen Bergführer in Angriff genommen werden sollte, ist die Zufuhr von künstlichem Sauerstoff nur wirklich ungeübten Wanderern anzuraten.

 

 

 

 

 

 

Kaiser-Wilhelm-Canal

 

 

Seit dem Altherthume singen
beredte Bücher uns ins Ohr
von weltweit wahren Wunder-Dingen,
die zum Theil noch Christi-vor.

 

Anerkennenswerth gewiß
sind Pharáos Pyrameiden.
Gärten der Semiramis ?
Schön, doch (unter uns) bescheiden.

 

Bismarck, stattlich voll bekleidet,
thront auf Hamburgs Elbe-Quai,
was auf Rhodos uns man neidet,
weil des Canzlers Denkmal neu.


Schamrot stierten unsere Enkel
sicher noch in Peinlichkeit
auf Colossos seine Schenkel,
die zernagt vom Zahn der Zeit.

 

Hängegärten, Hängebrücke,
Abu Simpl, Tadjmahal  -
sind doch eitel Übungsstücke
für Dithmárschens Pracht-Canal.

 

Denn - dahin der Ausdrucksmittel
alle, wenn das Auge dringt
nach dem Kooge von Brunsbüttel,
wo das Wunderwerk entspringt.

 

Durch die künstliche Eroffnung
deutscher Scholle, Schlei bis Stör,
spart das Cap der Guten Hoffnung
bald der Schiffer auf dem Mör.

 

Wer den Cabeljau im Korb hat,
soll ihn bald im Teller sehn.
Sonst wird er, kam er aus Dorpat,
bis Cuxhaven gleich gangren.

 

Andersrum macht auch der Hummer,
frisch vom Grund vor Helgoland,
unsrer Köchin kaum mehr Kummer,
die am Markt zu Kiel ihn fand.

 

Denn, so drängte auf Verbindung
Elbetrichter - Holtenau,
nach Patentcanals Erfindung,
drob die deutsche Handelsfrau.

 

Frisch geht nun der Fisch vom Thresen.
Drum seit dato laut und stark
protestirt das Pökel-Wesen,
was im Minus mit der Mark.


Freudig harrt im Zoll-Vereine
man des fetten Zugewinns,
und es flattern bunte Scheine
in das Kästlein Schleusen-Zins.

 

Ich stipp den Finger in die Föhrde,
fühl ihn netzend frisch bekühlt,
auf daß communicirt er werde
mit den Wässern fern vor Sylt.

 

Was Ägypten kann mit Suez,
England stolz am Ärmel trägt,
schafft auch Kaiser Wilhelm. Tu es !
Flott den Grundstein nun gelegt.

 

Warum ich alles dies erzähle ?
Deutschlands Glück liegt unterm Kiel.
Drum, Ingenieure, grabt Canäle !
Denn geschifft wird hier noch viel...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Teufelsmoor

 

 

O schaurig ist es, in die Binsen zu gehn,
wenn durch Nebel und Nacht hin man hastet,
hinter schwindelnden Schwären die Schwaden zu spähn,
und im Schritt es vom Schlamme morastet.

 

Da glimmt es im Zwielicht, da gluckert die Welt.
Da wanken weich wabernd die Weiten.
Da hebt nur, wer fest in den Fäusten wohl hält
sein Herz, an, solchen Pfad zu beschreiten.


Der Wiedehopf wirbt um die Meise im Sumpf.
Es kiekst stumm dem Kiebitz die Stimme.
Es rohrt von der Dommel bedrohlich und dumpf.
(Hin zur Weser sich windet die Wümme.)

 

Doch erreichst du die Hütten des heimelnden Dorps,
bist entkommen wohl Geifer und Grinsen,
da athmest du wonnig beim Weden des Worps.
Nichts geht dir dann mehr in die Binsen !

 

 

 

 

 

 

Palmnicken

 

 

Ich ging am Strand so für mich hin,
und was zu finden war mein Sinn.
Doch in Leidniß von Entbehrung,
trat ich trist auf Samlands Nehrung.

 

Fand wohl ein Glied noch des Seestérnes,
auch scharfen Rest von Flaschenpost,
doch kein Geschmeid vom Stein des Bernes,
geschweige in der Flasche Most.

 

Die Möwe kreischte mir ums Haupte
und fing sich fehl im dichten Dutt,
wo sie ihr Nest zu nehmen glaubte.
Tot auf der Buhne west'
[4] ein Butt.

 

Was seh ich unterm Seegras-Buschel ?
Da blinkt es gülden doch im Licht...
Kein Bernstein, nur die miese Muschel
glüht fahl in Fäulniß. Wieder nicht.


Und es kreuzten meine Brauen
keines Seemanns schwarzen Blick.
Kein Pirat noch war zu schauen,
nur vom Teer manch schwarzes Stück.

 

Ach, ich fühl, nun muß ich sterben,
eh das Kleinod ich geschaut.
Schmerzhaft ritzten scharfe Scherben
bar Fuß mir der Jungfern Haut.

 

Ich ging am Strand mit leichtem Sinn -
und geh so bald nicht wieder hin.
Drum wend ich mich von den Gestaden
und kauf mir Bernstein jetzt im Laden.

 

 

 

[4] Der Ausdruck "vergammelte" wollte der Autorin nicht ins Versmaß passen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cölpinsee [5]

 

 

Wenn die Natur in ihrer Stärke
Vernichtung und Verderbniß bringt,
dann ist sie gleich darauf am Werke,
daß ihr ein Meister-Werk gelingt.

 

Vor Zeiten brach die Ostseewelle
verheerend über Dühn' und Land.
Nun seht nur, was an dieser Stelle
gleich für ein Wunderding entstand :


Als sich der grimm'gen Dühnung Wogen
dann ausgetobt in ihrer Gier
und in ihr Bett zurückgezogen -
da ließen diesen See sie hier.

 

Vom Meer getrennt nur durch die Dühne
liegt Cölpins See
[6] noch friedlich da,
ringsum der Wald. Nur auf der Bühne
[7]
bisher ich solche Landschaft sah.

 

 

 

[5] Das Gedicht galt seit der Sturmflut von 17 Uhr 17 als verschollen, wurde aber im März 1993 auf sensationelle Weise von der Runghold-Interpretin Christiane Batra auf Usedom wiederentdeckt und muß nach Rücksprache mit führenden Germanisten aus stilkritischen Erwägungen für authentisch gehalten werden.

[6] Im Tagebuch der Autorin fand sich folgender Vierzeiler, dessen Zuordnung durch die Auffindung des obenstehenden Gedichtes nunmehr zweifelsfrei ist:

 

Dieser näßt bei Schweinemünde

süß den Land-Strich Usedom,

drin versäuft tief bis zum Grunde,

wer geschlürft der Verse Strom.

 

[7] Solcher Eindruck geht auf eine Inszenierung des "Fliegenden Holländers", dritter Aufzug, letztes Bild, im Jahre 1901 am Kurtheater Bad Doberan zurück. Die Kulissen wurden leider in der folgenden Spielzeit für die Operette "Lysistrata" übertüncht.

 

 

 

 

 

Im Todtengrund

 

 

Sengt der Sommer ihn am Kleide,
(an Johanni ist er hin !)
seufzt der Lenz: "Hinfort ich scheide."
Und die Sonne gilbt, was grün.

 

Wenn ich schon im Juli leide,
weil sie mir den Teint verdarrt,
so auch im August sie meide
bis Mariäs Himmelfahrt.

 

Trost ist mir und Augenweide
nach des Athems schlimmster Noth
nun das Blümlein Glockenheide,
Frau Naturä Wangenroth.

 

Weg der Wandrer einsam führet
durch des Ginsters Goldgestrauch.
Fast so ächt wie coloriret
dünkt das Wollgras-Büschel auch.

 

Nah besehen: sehr viel schönes.
Selbst von fern belesen: schön,
schlägt man nach bei Hermann Lönes,
wo die besten Verse stehn.

 

Alle Welt singt deine Lieder,
huldigt, Dichter, dir, du Löns !
Und auch ich bin wied und wieder
toll beim Zauber solch Getöns.

 

Du erzählst uns vom Wacholder,
von der Lerche Liederschaar.
Und der Himmel ist so voll der
Luft, der Bau von Nickeln-Kar.

 

Dreißigmal las ich die Mähre
schon von Meister Mümmelmann.
Pegasus, er preist dir Ehre
vom Olympe hümmelan.

 

Reime weiter, Löns, auf Heide.
Reich du, Spender, mich entlönst.
Frägt auch dein Herz leis "Wir beide...?"
Ach, Hermann, wie du mich verwöhnst !

 

 

 

   

   

Am Steinhuder Meer

 

Im Geschichtsbuch fest versiegelt
schläft die schauernde Aerá,
als vom Glätschereis gebügelt
lag das Niedre Sachsen da.

 

Ach, wie mir noch heute fröstelt,
kömmt die Kalte Frau Sophie
und man am Pullover nestelt.
Kälter war das Frühjahr nie ?

 

Doch es zeigt sich wohl ein Zeuge
noch aus Urstrom-Thäler Zeit,
wenn ich überm Atlas beuge:
Von Hannover gar nicht weit !

 

Als des Eises Grau gewichen
wieder nach polarem Nord,
ließ es an ein paar Landstríchen
nichts als Nässe dort vor Ort.

 

Die Geschichte hat gewendet
harten Eises Hobelbahn.
Wo Muränen feucht verendet,
kommt die Zeit vom Ruderkahn.

 

Heute kann man darauf Boot fahrn
hin zum Eiland Wilhelmstein.
Auf Chausseen kann man sich totfahrn.
Dieser See ist auch nicht klein...

 

Welch Mysterium geheimer
Gründe liegt im Erdenschoß:
Seht, der Tropfen hängt am Eimer -
GOttes Ocean ist groß.

 

  

 

 


Harzgebirge

 

 

Wie ich mich bißweilen sehne
nach der Bergegipfel Reiz.
Die norddéutsche Tief-Ebéne
beut dergleichen gar mit Geiz.

 

Flaches Land beleckt die Föhrde,
bald bis Braunschweig bleibt es plan.
(Nimm nur Elm aus, weil die Göhrde
ganz gestreng nicht gelten kann.)

 

Unerhörter Hügel Höhe
hebt sich hinter Halberstadt.
Marternd ist des Menschen Möhe,
der bergan zu ziehn nun hat.

 

Brach der Schweiß ihm schon am Deister
auf dem Leinwand-Hemde aus,
wird zur Gemse hier im Geist er
und sucht Ruh im Rastehaus.

 

Schaurig schmiegt sich Dörflein Schierke
an den Berg des Wurmes hin
und des Brockens Brach-Becirke,
wo ich, ach, in Elend bin.

 

Wandrern winken Weges Weiser
nach dem Friedrich sein Revir.
Rother Bart des todten Kaisers
wuchert üppig durchs Furnir.

 

Sathans Tritt von Roß-Attrappe
läßt noch staunen auf Plateau.
Tannenholz preßt man zu Pappe,
Fichten geht es ebenso.

 

Sündhaft Sagen wehn vom Harzen.
Goethe gar gab uns davon,
ließ vor Faust die Hexe f*** ,
Parzenfaden spottend sponn.


Übler noch als Höllendünste
riecht der Molke Lab-Product.
Bis nach Olmütz kennt die Künste,
jede Nase, die 's gejuckt.

 

Vaters Sorte, Mutters Sorte
sind des Gipfels Lust nicht nur :
Harzer Roller pflegt am Orthe
Canaríen - Sangkultur.

 

Edler Steine Erz-Routine
hat des Bergmanns Schürf-Geschick,
und es wird der Frauen Miene
zum Carate Silber-Blick.

 

Unterharz mag sich verlieren... -
Oberharz ist doppelt steil.
Ja, wir können rëussiren
sehr mit diesem Landestheil.

 

Herr, du häuftest hoch den Harz.
Jeder Deutsche tut dir 's danken.
Strotzend streben himmelwarts
Nieder-Sachsens KARAWANKEN !!

 

 

 

 

 

 

 

 

Bochum 

 

 

Von der Donau, von der Elbe

singt die Welt Coloratur,

von Vater Rhein – immer dasselbe.

So sing ich denn von Mutter Ruhr!

 

Wohl fischt man dort nach Meeres Früchten

vergeblich in der feuchten Fluth.

Man lebt vermehrt vom Tauben Züchten

und dem, was unterm Rasen ruht.

 

Ist vor der Hütten aufgezehret vom Feuer

schon das letzte Brett,

greift, wer der Gluth nicht gern entbehret,

gern nach dem kohlenen Briquette.

 

Da die Natur vor Jahrmillionen

mit den Cadavern gar gegeizt,

wird das Gethier - wozu es schonen? -

in unsrer Zeit zu recht verheizt.

 

Noch einfach war es ohne Frage,

lag so herum das Carbonat.

Heut muß man tiefer unter Tage,

bis man ein Kilo davon hat.

 

Wer führe dort hinab wohl gerne?

Doch ob in Bottrop, Castrop, Boch-

um, Herten, Hürten, Herne, Werne:

die meisten kommen wieder hoch!

 

Kohlschwarz, daß es der Neger neidet,

steigt brav der Bergmann dann empor.

Wie dieser drastisch unbekleidet,

nur mit dem Helme auf dem Ohr,

 

der Schurz schützt leidlich ihm die Lende,

ansonsten ist der Niblung nackt.

Wie kräftig drückt ein Prank der Hände,

wo er nach edlem Erze packt.

 

Oh, Bochum, Bahnhof, Burg und Bühne!

Du Bonn des Berglands, Rom der Ruhr!

Im Walzwerk dröhnt die Dampfmaschine,

Du Kaltenkirchen der Kultur!

 

Murt auch das Magma tief im Flöze

beinahe bügeleisenheiß,

blick oben ich die Beteigeuze

in der Planetenschau von Zeiss:

 

Mond und Mercur, auch Mars und Venus,

wenn draußen darbt des Mittags Gluth,

sogar bei Regen – welch ein Génuß –

im Saale sieht man alles gut.

 

Meist zeigt sich die Natur verhangen

dem Auge trist in trüber Sicht.

Bin auch romantisch ich befangen,

schätz‘ ich doch mehr die Übersicht.

 

Nimm nur die Südsee. Neben dieser

scheint klar uns das Aquarium.

Nein, dieser Zeiss ist doch präziser

mit seinem Planetarium.

 

Wer also rings im Ruhr-Reviere

bei Wattenscheid und Wupper wohnt,

dem gern ich hiermit gratuliere,

weil es sich dort zu leben lohnt!

 

 

 

 

   

   

An die Wartburg

 

Von der Stätte laßt mich singen,
wo, des Deutschen durch und durch,
hier im Herzen von Thüríngen
hoch gebaut die hehre Burch.

 

Blanke Burschen sehr gediegen
sammeln sich an ihrem Fuß,
weil einmal heraufgestiegen
man im Leben sein wohl muß.


Hebt mein Auge sich vom Thale -
hoch sein Weiden neu beginnt,
schmaust es hier im Sängersaale
an dem schmucken Herrn von Schwind.   

 

Wo der Sänger Schar schön minnte
schon zu Mittelalters Zeit,
wo der Teufel in der Tinte
stak. Ihr wißt wohl drum bescheid.

 

Jörg sich nannte jener Junker,
der die Wand also beschmiert.
Dabei war sein barer Bunker
unjüngst frisch erst tapecirt.

 

Luther sprach zu Tisch auch schweinisch,
was den guten Ton verletzt,
von Verdauung. Hat lateinisch
dann die Bibel übersetzt.

 

Von Elisabeth ich hier sing,
die umsorgt der Armen Wohl,
weil ein Wunder ihr den Wirsing
wandelte zu Rosen-Kohl.

 

Drob entfloß der Künste Feder
viel. Der Völker Neid erblaßt.
Unsre Wartburg hat nicht jeder -
Deutschlands Buckingham-Palast !

 

 

   

 

Mein Mallorca

 

Immer schien schon Insel-Lage
bei der Künstlerschaft begehrt.
Bis zurück zur Griechen Sage
allso keiner lag verkehrt.

 

Archimedes auf Sicilien
zählte zu dem Peuble nicht.
Höchsten Kreisen und Familien
wog specifisch sein Gewicht.

 

Nicht so weit von Syracuse
auch Euklid bewies Verstand,
der gleich zur Hypothenuse
den Katheter miterfand.

 

Und es kochte Klipp-, auch Klappfisch
Sappho vor Klein Asien.
Leich geriet, kam es ihr sappfisch,
Lesbos in Extasien.

 

Viel der Dramas brach aus Richtung
Engelland auf uns herein.
Shakes-Peare trieb dann nur Dichtung,
durft er auf der Insel sein.

 

Hoffmann fuhr von Phallersleben
nach Land Helgos Dünenstrand,
woselbst, Reimeskunst ergeben,
er der Deutschen Hymen fand.

 

Napoléon Bonaparte,
in der Kriegeskunst Genie,
schrieb auf Helena die Schwarte
seiner Auto-Biopsie.


Fern von München fünfzig Meiles
wünschte Ludwig Wittelsbach
sich im Chiemensee Versailles,
nach Franzosen Prunk und Prach.

 

Herzog-Erz, des Königs Onkel,
blickte weiter süderwärts.
So entdeckte sein Mononkel
Sonneninsels Palmen-Herz.

 

Niederrhein und Nil sich paaren
lichtbeleckt im Mittelmeer
auf der Höh der Balearen.
Ja, Mallorca lockt doch sehr.

 

Friederich Chopin, nach Liszt
unser feinster Pianierer,
dort umsonst geweilet ist,
als ein Lungen-Heil Courirer.

 

Und wie Puls des Künstlerblutes,
welches von der Bleichsucht schwach,
tropften piano die Préludes
von des Wellblechs Regendach.

 

Dame zwar, doch Georg Sand
sich eine Zierde der Franzosen
nannte und trug, allerhand,
statt des Sandrocks lange Hosen,

 

auch stupende Stumpen rauchte,
mehrend herbe Hustenqual.
Drob ihr Frédric früh verhauchte
noch vor vierzig Lenze Zahl.

 

Eilend wir zum Eiland pilgern
wassers und im Fluggeräth,
mit den Augen zu vertilgern,
was daselbst davor uns steht.


Föhr der Ferne !  Des Ermüdens
kommt mir nicht im Epilog ,
dich zu preisen, Sylt des Südens.
Stolz lacht Spaniens Spiekeroog !

 

 

 

 

 

 

 

 Genua

 

Ligurjen, mein Ligurien[8] !
Ich folgte deinen Spurien
und hab mich dort verlurien.
Bin ganz in dich vernarrt.
Ligurjen, mein Ligurien,
dir sing ich Oraturien,
wie Orpheus vor den Furien,
egal, wie lang sie durien:
Vivaldi, Bach, Mozárt.

 

Vom Weine in Amphurien,
von Knoblauch, von Zichurien
duftet aus allen Purien,
wer dort zu Gast sein will.
Ligurjen, mein Ligurien,
im Norden wird gefrurien,
doch hier fast so geschmurien
wie im Urwald die Lemurien
und 's Hühnchen auf dem Grill.


Ligurjen, mein Ligurien !
So sei es denn geschwurien
beim Kardinal der Kurien,
beim Erzbischof, beim Papst:
Werd ich noch mal geburien
als Lämmlein frisch geschurien,
weid' ich in dir, Ligurien,
wo du mit Lust
[9] mich labst.

 

 

[8] Beim unentwickelten Stand des damaligen Tourismus kann davon ausgegangen werden, daß E. R. selbst nie in Italien gewesen ist. Auslösendes Moment für dieses Gedicht mag eine handkolorierte Ansichtskarte sein, die ihr Hilgine von Freeden von einer mehrwöchigen Bildungsreise geschickt hatte. Das Bild zeigt im Anschnitt undeutlich das Stadtpanorama von Genua und im Vordergrund mehrere muskulöse Hafenarbeiter.

[9] Im Album der Autorin findet sich noch eine zweite Ansichtskarte aus Italien, die lediglich die Photographie einer Mariendarstellung Michelangelos zeigt.

 

 

 

 

 

 

An meine Zimmer-Palme

 

In dem Gartenraum des Winters
zwischen Flecht- und Korbgestühl
prangt die Palme ganz zuhinters,
weil es zieht von Zug-Luft kühl.

 

Gerne such ich auf den Schatten
ihres üpp'gen Ebenbaus.
Und es kömmt mich ans Ermatten,
ruh ich unter ihr mal aus.

 

Ihr Gezweig erwächst uns edel
mit den Blättern grün belaubt.
Leider sind die breiten Wedel
wieder wöchentlich verstaubt.

 

Mit der Tiefsee triefend Schwämmen[10]
wisch ich helfend alles ab.
Das Geblätter glatt zu kämmen,
blank zu bohnern, hält in Trab !


Drauf blick ich zur Cactusfeige,
die nebander wächst im Raum,
ob auch Staubes Schicht sich zeige.
Besser wischt sich Gummi-Baum.

Matt nach Reinigung der Bäume
sink ich an der Palmen Fuß
und ergeb mich hin der Träume,
die man dort wohl haben muß:

 

Von der Neger starker Stämme,
von der Wüste heißer Gluth,
von des Niles Überschwemme,
von der Großwildjäger Muth.

 

Von den braunen Beduinen,
die oasend ziehn den Treck,
von des Scheiches Sultaninen,
vom Camel des Tuareck.

 

Von der Crocodile Rachen,
von der Löwen strengem Ruch,
was sie auch im Circus machen,
den ich ab und an besuch.

 

Von des Urwaldfeuers Qualme,
von der Pyrrhenäen
[11] Schweiß ---
Träum ich dies unter der Palme,
wird mir augenblicklich heiß.

Trieb der Tropen vom Äquator !
Sitz ich unter deinem Ast,
wird mir rünstig wie Radiator,
weil du dort gewuchert hast.

 

 

[10] Nachweislich wurden jedoch die Zimmerpflanzen im Wintergarten des Hauses Puttfarken-Runghold mit dem Fensterleder gereinigt.

[11] Den korrekten Begriff "Pygmäen" verwarf die Autorin aus metrischen Erwägungen.

 

 

 

 

 

 

 

 


Abendland

 

Ach, es sorgten die Gemüther,
wie aus Büchern ihr erfuhrt,
um der Völker heilste Güther
sich seit Jesi Eingeburt.

 

Wütend wildem Tschingis-Kahne
war die Attaqué zu schwer,
gegen Heil'gen Kreuzes Spahne
anzureiten mit Gewähr.

 

Hanniball der Afrikaner
querte qualvoll Furth und Paß.
Keiner seiner Sold-Indianer
sah des Tibris fließend Naß.

 

Turmhoch Elefanteristen,
trampelnd tief durch Alpenfels,
froren fest auf Passes Pisten,
denn kein Glätscher kam auf Schmeltz.

 

Prinz Eugen ward ächte Ehrung
nach der Schlacht vor Wienerwald.
Museltürken wies er Wehrung  -
und der Halbmond machte Halt.

 

Und beschworne Kampfesstelle
gegen Mauren Übermacht
sah als Sieger Carl Martelle,
was kein Maurer hätt gedacht.

 

Dieses dürfen wir ihm danken,
war doch sein Gewerbe eh
Hausmeister nur bei den Franken,
was in Tours man nennt Poitiers.


Nun in Nanking schwingt den Säbel
blutger Boxer rohe Kraft.
Stümpfe, Rümpfe - mir wird äbel.
Ob 's Europa noch mal schafft ?

 

Geifernd grinst Gefahr aus Osten,
schnaubend schäumt schon Rösser-Dunst.
Was wird wohl die Sache kosten ?
Knapp macht Kaisers Kriegeskunst.

 

Unser lieblich Land des Abends  -
Kindeskinder köstlich Gut.
Jeder will es, doch wir habens
und sind höchlich auf dem Hut.

 

Würdig wehret, Kölner Dome,
heidenischer Horden Schrei.
Heilig Deutsches Reich von Rome,
noch ist 's nicht mit dir vorbei !

 

 

 

 

 

An meine Miezekatze

 

Von Borneo bis Bengalen
fauchet frech das Tigerthier.
Von Westfriesland bis Westphalen
sah man solches selten hier.

 

Häufig leidet das Geziefer
ärglich unter Corpulenz.
Unersättlich ist sein Kiefer.
(Sah ich mal im Circus Renz.)

 

Für Salon viel mehr geeignet,
wo geringer Größe mißt,
ist das Kätzchen, ungeleugnet,
was auch keine Büffel frißt.