Jahr & Tag
Neujahrs Morgen
( in memoriam Meister Möriken )
Wie heimlich und leise
die Rosen-Kohlmeise
mit frostkalten Füßen
den Gimpel tat grüßen
auf Meisenart Weise
und sang ohne Sorgen.
Die Feder im Fallen,
sie kündet uns allen:
So naht Neujahrs Morgen.
Wie dazu Decembers
Kehraus des Kalenders
noch letzliche Seite
zum Abriß befreite,
im Schwund des Verschwenders
geheimnisverborgen...
Den alten ins Feuer,
schon hängt hier ein neuer:
So naht Neujahrs Morgen.
Frühling
Frühling läßt mit blauen Bändern
wieder flattern durch die Luft.
Winter muß nach Lapplands Ländern,
weil der Lappen Laut ihm ruft.
Es sucht den Täuber jetzt die Taube,
es sucht die Schnecke der Salat.
Es fegt das Laub jetzt aus der Laube,
wer das noch nicht erledigt hat.
Es gießt der Gärtnersmann die Primel,
es gießt die Tinte dies Gedicht.
Es gießt zuweilen sehr vom Himel.
(Vergieß den Regenschirm nur nicht.)
Brautvater zahlt jetzt unter Schmerzen.
Die Wolke braut sich was zusamm.
Des Bockes Bier braut man im Märzen.
(Statt Brautmann sag auch "Bräutigam".)
Wenn ich nun um das Auge blicke,
wie gleißt der Flur in frischem Grün.
So irrte dichtend hier Mörícke[1] ?
(Scharf riecht es noch nach Terpentin.)
Frühling läßt mit grünen Bändern
wieder flattern dieserzeit.
Kuck doch hin, ich kann 's nicht ändern.
Tja, Eduard, es tut mir leid...
[1] Die standesamtlich korrekte Schreibweise ihres Kollegen war der Dichterin durchaus bekannt. Ähnlich liegt der Fall in "An mein Poesiealbum". Dort würde der Name "Shakespeare" in gemeinhin üblicher Orthographie das metrische Ebenmaß empfindlich stören.
Der Lenz
Die Welt erfror vor Februar.
Nun ist der Lenz uns worden.
In Thrauer lag der Freitag char.
Die Sonne sank in San Sibar
und eilt im Nu nach Norden.
Der Landmann baut das Spargelbeet.
Nun ist der Lenz gekommen.
Die Stallmagd rings Rapünzchen sät.
Die Jungfer zu der Jungfrau fleht
wie alle keuschen Frommen.
Verjüngt sind Leib dir und Gemüth.
Nun will der Lenz uns kirren.
Am Zweig die Sauerkirsche blüht.
Die Hengste steigen aufs Gestüth,
die Schwalben schnäbelnd schwirren.
Der Clapper-Storch kehrt wieder heim,
denn lind hat Lenz geläutet.
Herr Wagner kreißt der Walkür' Keim
und singt gedichtend Stab auf Reim,
was ihm viel Müh' bayreuthet.
Fastenzeit
Lebt wohl, ihr, feisten Fleisches Töpfe,
Pastethen, Prilcken und Compôt !
Heran denn, rohen Kohles Köpfe.
Geht in Euch, fastet, geht in GOtt !
Krammets-Vögel und Capaune,
Perlhuhn-Chaume und Schnepfen-Mousse -
was dem Gaumen lachte Laune,
damit ist für 's Erste Schlousse.
Vernunft verlangt jetzt Vitamine.
Verzichtend wächst der Butter Berg.
Des halben Fettes Margarine
bewirkt nun wahres Wunderwerk:
Spült aus uns Schotter, Schleim und Schlacken,
Cholesterine, Venen-Pfropf,
wehrt Hämorrith und Herz-Attaquen,
erleichtert harten Stuhles Stopf.
Und was du rünstig reich genossen
um der Besäufniß baren Zwecks:
die Branntwein-Bouttel bleibt verschlossen,
des Weinstocks gärendes Gewächs.
Damit die Roß-Cour leidlich lohne,
nimm dir bis Ostersonntag Zeit.
Doch bleib nicht sieben Wochen ohne
die L i e b und die B e l e s e n h e i t !
Charfreitags Zauber
Gemartert lag das Herze schwer,
schon dräuete Verwesung.
Geknechtet harrt' das Sünderheer
der fälligen Erlösung.
Vor GOttes gnädigem Gericht,
o Mensch, neig dich zum Knixus
und ruhe auszurufen nicht :
"Gekreuzigt ! Crucifixus !"
Wenn jäh dich die Erkenntniß trifft,
magst leben du aufs Neue.
Welch Wunder wandelt Gall' und Gift
ins Buße-Blut der Räue ?
Frißt nicht beim frischen Ostergruß
im wolligweißen Kleide
das Lamm Narcyssen und Krokuss'[2]
auf GOttes grüner Weide ?
Drum glaube ! Sei von Sünden frei,
denn Sathan kam abhanden.
Nun köpfe froh dein Oster-Ei.
"Surrexit ! Auferstanden !"
[2] Das Gedicht entstand vermutlich im unauslöschlichen Eindruck einer Parsifal-Dekoration an den Städtischen Bühnen Husum 1913.
Frühlingswahn
Unter allen Jahreszeiten,
die das Deutsche aus uns drückt,
ist, wer wollte das bestreiten,
keine, die es reicher schmückt.
Frühlingsanfang, Frühlingslauschen,
Frühlingsbangen, Frühlingslust,
Frühlingsdrängen, Frühlingsrauschen[3],
Frühlingserwachen, Frühlingsfrust.
Frühlingsahnung, Frühlingsglaube,
Frühlingsgefühle, Frühlingslicht,
Frühlingsliebe, Frühlingslaube,
Frühlingskälte, Frühlingsgicht !
Frühlingsboten, Frühlingshimmel,
Frühlingslüfte, Frühlingsschwung,
Frühlingsfreude, Frühlingsfimmel,
Frühlingsdüfte, Frühlingsdung.
Frühlingsode, Frühlingslieder,
Frühlingswalzer, Frühlingschor,
Frühlingsmode, Frühlingsmieder,
Frühlingsfarben, Frühlingsflor.
Frühlingstriebe, Frühlingsknolle,
Frühlingsbeet im Frühlingspark,
Frühlingssuppe, Frühlingsrolle,
Frühlingsgemüse, Frühlingsquark.
Frühlingsbälle, Frühlingsbowle,
Frühlingswahn bis Ende Mai !
Wann ich mich davon erhole ?
An Johanni ist 's vorbei...
[3] Nachdem die Autorin mehrere Wochen auf das Studium des gleichnamigen Salonstückes von Christian Sinding (1856-1941) verwandt hatte, soll sie erschöpft nach dem Fröhlichen Landmanne zurückgekehrt sein.
Recht auf Frühling
Auf Ackers Scholle hebt ans Holzen
die Egge, daß sie aufgewühlt.
Pack-Eises Schollen sind verschmolzen,
wo sie am Strande aufgespült.
Die ersten Knospen sind gesprungen,
wo ihnen Wohnung ward zu prall.
Die letzten Lieder sind versungen
von Osterzeit und Glaubensschwall.
Es balzt Gevögel auf den Zweigen.
Froh nimmt man schon in Augenschein
(das Thermometer stöhnt vom Steigen)
das erste blanke Burschen-Bein.
Doch bei der Sonne sehrend Sengen,
das uns die Haut schon brandig schält,
tut sich die Frage hier aufdrängen,
ob dieses Jahr nicht was gefehlt.
Die Periode, prall beschrieben
durch deutscher Dichter Competenz,
sie ist wahrhaftig ausgeblieben:
Wo bleibt der Frühling, wo der Lenz ?
Wie hat es neulich noch gezogen
von Winterluft und Eises Hauch.
Nun werden wieder wir betrogen -
ums Blaue Band. Ums Grüne auch.
Ach, liegt die Flora flach darnieder,
kaum daß der Krokus ausgeblüht ?
Du, meine Sehnsucht, weißer Flieder,
bald braun und grausam ausgeglüht ?
Den welken Jammer wegzupusten
bleibt dann dem Juli nicht mehr viel.
Und drauf beim ersten Herbstes Husten
hat das Gestöber leichtes Spiel.
Es dräut die Dürre hie auf Erden,
der Garten wird zur Wüstenei.
Was soll nun aus dem Spargel werden ?
Was denkt sich die Natur dabei ?
Statt Maienglocken Klagelieder.
Sie läuten Lenz zur letzten Ruh.
Wir wollen unsern Frühling wieder !
Gerechter Gott, er steht uns zu !!
Im Maien
Nun weckt uns die Wärme
den Leib und die Geister.
Die Bäu'rin hat schlimm
mit dem Spargel zu tun.
Man schneidet im Schatten
vom wilden Waldméister
und ist bei dem ersten
Glas Punsch sogleich duhn.
Frisch geboren springt um
in der Herde das Böckchen.
Seine Mutter, der Hammel,
auch der Hirte ist froh,
pflückt in Minne der Schäferin
schöne Maiglöckchen.
In dem Klee kniet der Knabe -
weit schallmeyt die Oboe[4] !
[4] Der Auslaut ist analog zu "Oldesloe" auszusprechen.
An Pfingsten
Der Flieder steht in Blüthe
und schwängert schwer die Luft.
Mehr geht er auf Gemüthe
als Maienglöckchen-Duft.
Den schönsten Strauß -
mir bringst 'n
an Pfingsten.
Der Geist ist auf uns kommen
aus tausend Zungen Schlag.
Ich bin man fix benommen
von diesem frommen Tag.
Und denk dran
bis zum Jüngsten,
an Pfingsten.
Die Post bringt heut Dépêche,
daß Tante Lotte[5] naht.
Jetzt krieg ich große Wäsche
und nenn es Attentat.
Hab Lust nicht
im geringsten
auf Pfingsten.
[5] Hier kann es sich nur um Frau Elsbeth-Charlotte Hansen geb. Puttfarken handeln, eine Cousine zweiten Grades. Sie pflegte aus dem dänischen Sønderborg, wo sie in einen mittelständischen Fischmehlbetrieb eingeheiratet hatte, mindestens viermal jährlich anzureisen.
Matjeszeit
Wenn das Jahr mit seinen Zeiten
unsren Lebenslauf durcheilt,
wird durch deren Eigenheiten
auch das Essen eingeteilt.
Spargel schätzt der Mund im Maien,
wann er vielfach eingeführt.
Schon im Juni, dem vorbeien,
hat die Köchin ausgerührt
ihn mit Holländischer Sauce
zu des Schinkens höchstem gout.
Landet schlürfend sie im Schoße -
für den Schlemmer zählts dazu.
Am Johannistag gestochen
aus dem Beete, bleich entblößt,
währt es wieder viele Wochen,
bis er aus der Krume stößt.
Muscheln soll man nicht verzehren
in den Monaten, wofern
die der Letter „r“ entbehren,
hätt’ man sie im Mai auch gern.
Wenn ich von Federweißem höre,
deß erste Gärung schnell erschmeck!
Also Gewächse vom Primöre -
grünt es im Garten, gieß sie weg!
Auch Weihnachtsgans und Speculaties
ab Aschermittwoch sind tabu.
Was beut der Sommer? Milden Matjes
und Spèques Stipp reichlich dazu.
Ihn zier'n der Zwiebel runde Ringe,
die Basis stellt ein Butterbrot.
Auch Petersil und andre Dinge
ergänzen dieses Angebot.
Von seiner Kundschaft angebetet,
liegt er im ff. Fischgeschäft,
entbeint, entdärmt und ganz entgrätet,
von keinem Hering nachgeäfft.
Mit Zeigefinger und mit Daumen
wird er mitunter einverleibt.
Die Zunge drückt ihn dann zum Gaumen,
wo, wenn er zart, nichts übrigbleibt.
Zu der Bekömmnis einen Klaren,
dann, Wohlgefühl, ist es so weit...
So lob ich mir in allen Jahren
des Sommers sel’ge Matjeszeit!
Mittsommer
Brennt des Lenzes Lust-Genosse
Junius lachend loh mit Licht,
sprießt mir stracks des Sommers Sprosse
allenthalben im Gesicht.
Fruchtlos blieb der Mutter Warnung.
Schon der Schopf erblondet flachs,
und die Nase trägt zur Tarnung
Schichten, dick vom bleichen Wachs.
Deckung von dem Sonnenhute,
schützend schneegeweißte Haut,
kommt Albaniern[6] zugute,
wenn es vom Ozone blaut.
Auf dem Arm wird angezogen
nun der Hand-Schuh hochmodern,
welcher schirmt auch Ellenbogen
vor dem Greif galanter Herrn.
Nun ergrimmt durch Heues Fieber
gram der Nase Nahbereich.
Nein, der Winter ist mir lieber,
als die Backe blieb so bleich.
Jammers voller Monat Juni,
Licht- und Schattenspender schier,
bräun die Bauersfrau, doch tu nie
der Pigmente Pein an mir !
[6] Der in der Sache hilfdienlichere Begriff "Albinos" wurde aus metrischen Erwägungen verworfen.

Im Obstspaliere
Eines Abends im August
(denn der Tag war schwüle)
schritt ich, mich zu wandeln lust
durch des Gartens Kühle.
Ach, da trat zu mir heran -
heftig war mein Schrecke -
frisch ein junger Gärtnersmann
aus der Maulbeerhecke.
Bei den grünen Stachelbeeren
spürte gleich ich sein Begehren.
Nah den süßen Mirabellen
wollte mich der Bube stellen.
An den güldnen Reineclauden
glitten seufzend wir zu Boden.
Unterm Zweig der Pomeranze
ging der Knabe forsch aufs Ganze ---
Aber bei den Goldparmainen
hub er plötzlich an zu gähnen.
Schließlich bei der Sauerkirschen
war es aus mit meinem Hirschen.
Jungfrau, daher rat ich dir,
folge meiner Expertise:
Halt dich fern vom Obstspalier -
und ernähr dich von Gemüse !


Altweibersommer
Wie steht mir doch im Herbste
so andersrum der Sinn.
Gemäht sind Gries und Ger(b)ste
zur Stoppel und dahin !
Wie weht so kühl im Herbste
der Sturmwind aus Nord-Ost.
Schon ziert sogar die derbste
Jungfráunhaut Beulen-Frost.
Wie fällt mir doch im Herbste
so prall die reife Frucht.
Der süßeste, der herbste
Apfél wird aufgesucht.
Wirst, Sommer, du zum Herbste,
ich dir nicht helfen kann.
Das Laub schon färbste. Sterbste ?
Von mir aus laß es dran !
Waldweben
Aus Schlucht und Spalt kömmt es genebelt.
Da hauchen Dünste heiß und kalt.
Dir stockt der Athem wie geknebelt -
Es geht ein Weben durch den Wald.
Gespenstig nieselts von den Föhren.
Im Graben gärt die Fäulniß schwarz.
Erschauernd mahnt des Hirsches Röhren.
Im dichten Thann verklebt das Harz.
Geängstet flehn[11] die Pfifferlinge !
In Fassung harrn die Pilze-Stein
der scheuen schönen Schöpfungsdinge.
Im Moose lauscht das wilde Schwein.
Es weht ein wunderbares Weben
aus GOttes Odem wohlgestalt.
Nun, Wandrer[12], fühl dein Herz erbeben !
So geht es zu im Deutschen Wald.
[11] Abweichende Lesart bei der Erstveröffentlichung in der Vierteljahresschrift "Germanische Mykologie" XIX. Jg. Heft 3 S.12 "...fliehn die Pfefferlinge !"
[12] Entstanden unter dem unauslöschlichen Eindruck einer "Siegfried"-Vorstellung am Stadttheater zu Neumünster.

Christiane Batra auf der Hamburger Kleinkunstbühne "Kleinneumarkt"
Winterweh und Winterwonne
Nun fegt der Ostwind mit Geheule
die Eisesschauer niederwärts.
Nun fröstelt auf dem Arm die Beule,
nun schneidet scharf der Kälteschmerz.
Nun ruht das Seidenkleid im Schranke
und hängt der Mode Winterschlaf.
Noch ungefüttert ? Nein, ich danke
und greif zum Wollenstoff vom Schaf.
Heraus mit roter Mottenkugel
aus dem bestäubten Pelztier-Mouff.
Die Feder wärmt vom Gänsevugel,
der Schlüpfer schmiegt im Wäsche-Pouff.
Das Schneehuhn stöhnt der Moden Laune
und zahlt nun der couture Preis.
Spielte der Herbst noch eh'r ins Braune,
dictirt die Daune wieder: Weiß.
Im Schweiße wird das Korn gedroschen,
so es die Spreu und Spelten spritzt.
Das Frauenbein schirmt die Galoschen,
was vor der ärgsten Nässe schützt.
Der Apfel schrumpelt in den Röhren
und wartet seufzend auf Verzehr.
Vor unfolgsamen Lausegören
erbricht das Eis auf Teich und Wehr.
Das Kien-Holz bullert dann im Ofen,
bis der zur Gluth geworden ist.
Von "Stille Nacht" sämtliche Strophen
brüllt chörend bald der fromme Christ.

Die Handschrift von Elisabeth Runghold? Neuere Forschungen weisen auf einen talentierten Kopisten von der Insel Fehmarn. (vergl. "Mein Fehmarn" im Kapitel "Heimat und Ferne")
Weihnachts-Gedanken
Trübe hing vom Firmamente
kalt Novembers Trauerflor.
Neut das Jahr sich zum Advente,
kömmt es gleich viel heller vor.
Lag das fromme Herz im Schmerze
schwarzer Kreuze todtenbleich,
leuchtet licht die rote Kerze
von dem Kranze tannenreich.
Gläubiger, den Gram vergeude,
denn die Christnacht ist nicht fern.
Deine Hütte, Haus der Freude,
schmückt der Schein von Bethels Stern.
Schürzt der Engel Chor die Lippe
laut zum Gloria weithin,
frißt kein Vieh mehr aus der Krippe,
denn der Heiland liegt schon drin.
Freu dich, Volk, nun mit Maria.
Freue dich, Freund Joseph, auch.
Vaters Pflichten warten hier.
(Heil'ger Geist war nur ein Hauch.)
Kleckert Licht vom Baum der Christen,
klingt im Stall viel Melodei,
b a c h t es vom Evangelisten,
sagt dir das: Es nachtet weih !
An mein Sodbrennen
Frohes Fasten gab Gesundheit
Hirten einst zu Betlehem.
Heut', bei der cuisine Buntheit
geht es weniger bequem.
Was wir auch vernaschen wollen,
liegt erreichbar auf der Hand.
Brocken bricht man aus dem Stollen,
der von Dresden[13] hergesandt.
Pfeffer-Cakes und Zimmet-Sterne
meißeln dir am Unterbiß.
Tannennadeln, Apfelkerne
Im Gebäque - welch Hinderniß.
Finger fassen nach den Küchlein,
triefend von dem Gänseschmalz.
Rein wischt sie ein feuchtes Tüchlein.
Galle ruft nach Roha[14]-Salz.
Feist im Fette schleimt der Karpfen
seiner Lebung letzten Lauf.
Fasernd zäh[15] wie Fichtenzarpfen
folgt die Gans am Tag darauf.
Hör ich solche Nahrung nennen,
die den Weihnachtstisch verbiegt,
spür ich schon des Sodes Brennen,
welches links vom Herzen liegt.
Viel mußt du zum Fest ertragen,
üppig ist das Tafelwerk,
murrt auch marternd dir der Magen.
Darauf einen - Underberg ![16]
[13] Erdmuthe Hansen, eine Stiefnichte des Vaters, hatte nach Sachsen geheiratet.
[14] Die Nachfrage nach dem alkalischen Wundermittel an Festtagen war schon damals außerordentlich.
[15] Eine durch fehlerhafte Rezeptabschrift überlange Garzeit im Hause der Autorin ging auf Kosten des Bratensaftes, so daß man dem Fleisch noch reichlich gute Butter beizugeben pflegte.
[16] Dieses Gedicht wurde nicht nur in der Advents-Sonderausgabe des EPPENDORFER WOCHENBLATTS im November 1997 auf Seite 14 abgedruckt, die Schauspielerin und Moderatorin Ilse Seemann nahm es beim Norddeutschen Rundfunk auf, wo es am 1. Weihnachtstag 1995 auf NDR 3 zur Sendung kam. Um eventuelle Urheberansprüche des Herstellers zu umgehen, hatte das Gedicht noch eine alternative Schlußstrophe:
Beut die Blähung böse Pein,
biegt das Bauchfell Sodes Brennen ?
Nehmen Sie ein Mittel ein,
worauf Sie einen lassen können.
Am Weihnachtsmorgen
Der rote Mann hat[17] eingetreten.
Mir stockt das Sprüchlein. Wie, ach wie ?
Da hilft kein Betteln nicht noch Beten:
Er legt mich meuchlings übers Knie.
Zur Nacht hin hat es stark gefrostet.
Groß-Vater hat sie durchgezecht.
Ich hab vom Rotwein-Punsch gekostet.
Mir war ja vorher schon so schlecht.
Im Froste hat es stark genächtet,
Eisblume ziert mein Fensterbrett.
Von Ruprechts Rutenwerk geknechtet ---
erhol[18] mich unterm Daunenbett.
[17] Es handelt sich um ein sehr frühes Gedicht aus der Zeit vor dem 13. Lebensjahr, als die Autorin nur ein (sic!) Hilfsverb im Gebrauch hatte.

An Sylvester
O wie klingt es an Sylvester
aus geweihter Glocken Thurm.
Schließt des Jahres Zweitsemester,
läuthet jeder Schwengel Sturm.
O wie leuchtet 's an Sylvester
aus den Augen der Menschhéit.
Stumm der Bruder faßt der Schwester
bei der Hand. Es ist soweit.
O wie knallt es an Sylvester
aus des Schaumweins Flaschen Hals.
Manchmal sitzt der Proppen fester.
Knall-Bonbon knallt ebenfalls.
O wie stinkt es an Sylvester
nach des Schwarzen Pulvers Dunst.
Nase nimmt als Luftverpester
fauler Eier Feuerkunst.
O wie spricht es an Sylvester
eilig aus der Menschen Mund.
Bald gebrochen wird zum Läster
Wortes Weih' aus letzter Stund'.
Beste Leserin und bester
Leser, eines sag ich sicher wahr:
Ich entsage ab Sylvester
allem Dichten - bis Neujahr !
An Sankt Michaelis
Du mein starker Michael,
ludest längst den alten Drachen
furchtlos tapfer zum Duell.
Was treibst du noch für Sachen ?
Du mein wilder Michael,
nahmst es auf mit tausend Teufeln.
Bist der grimmigste Gesell.
Dran mag kein Christ mehr zweufeln.
Du mein schöner Michael,
laß mal ab von dieser Schlange.
Komm an meinen Busen schnell -
und wüthe dort recht lange !
An Sankt Georgi
Sehr gelehrsam gibt Geschichte
uns von Männer Macht Berichte.
Königs, Kaisern, vielem Papst,
Georg, du den Namen gabst.
Fromm erkies, wer will 's verbieten,
dich ich mir zum Favoriten.
Zwei gleich seiner Frauen brachte
Heinrich Tudor um, der achte.
Georg später, was ihn ziert,
wäre solches nie passiert,
weil der sehr bequeme Gatte
nur die eine Gattin hatte.
Wohl wehte auch bei Bonaparte
der steilen Liebe Leib-Standarte.
Mir gäb ein Mann nicht Minnelust,
streift' mich sein Scheitel nur zur Brust.
Drei Köpfe größer als der Korse
bist mindest du, stattlichster[7] Schorse.
Hehr entstrahlen Goldgestirne,
Albert Einstein, deinem Hirne.
Liebend gern wär ich einmal
deiner Gleichung kleinste Zahl.
Geniales steckt verborgen
im Gedicht auch von Georgen[8].
Fein und künstlich führt den Penzel
hoch bei Hofe Adolph Menzel.
Doch sein Öl, sein Federstrich -
decorirend nicht für mich.
Mein' Salon schönt ander Schmorck:
die Ikone des Georg.
August Fricke[9] brüllt die Opern
wie der Stier unter Europern.
Seine Muse vom Parnass
ist beeindrücklich für Baß.
Und brächt' er mich zur Bühne morgen -
mein Ohr nur neige ich Georgen[10].
Gestern schrie im zweiten Akte
Siegfried, der mit Fleisch bepackte.
Schwang das Schwert und schlug im Sturm
mannbar meuchelnd einen --- Wurm !
Noch viel Übung ist vonnöten
zum, wie Georg, Drachen tödten.
Epilog
Nie ward wieder auf der Welt,
Heil'ger Georg, deinesgleichen.
Keiner, den ich aufgezählt,
kann dir je das Wasser reichen.
[7] Das Reiterstandbild König Georgs V. in Hannover, an dessen Fuß das Gedicht "Am Steinhuder Meer" entstanden sein soll, hat die Autorin so nachhaltig beeindruckt, daß sie sich daheim in Dagebüll für einen Voltigierkurs anmeldete.
[8] Den Symbolismus in den Werken Stefan G.s (1868-1933) hat die Runghold zwar nie vollständig durchdrungen, schätzte aber die geschmackvollen Einbände der Berliner Privatdrucke.
[9] Der künstlerische Zenit des Berliner Hofopern-Bassisten August Ludwig F. (1829-1894) war wegen seiner Schwerhörigkeit bereits deutlich überschritten.