Körper & Seele
Im Garten der Gefühle
Liebt dich das Leid?
Wirst nicht von Schmerz verschont?
Fehlt dir die Freud',
weil sie woanders wohnt?
Nährt dich die Not,
Friede nur andern frommt?
Trachtest nach Tod
gar, wenn der Kummer kommt?
Dann tritt ein durch die schweigende Pforte
an den Ort, wo die Seele hat Ruh.
Nimm den Weg an die Walstatt der Worte,
schließ die Welt hinter dir traulich zu.
Pflück die Verse vom Baume der Dichtung,
l i e s die Früchte so reiflich und satt,
acht des Reimes sich rankende Richtung
von der Feder aufs fallende Blatt.
Laß dich nieder auf leichtem Gestühle,
in des Wortes Sinn sink wieder ein.
Hier, im Garten geheimster Gefühle
wirst du ewig glückselig nur sein !
Die Sprache der Blumen
Der Ampfer mahnt: "Geduldge dich",
der Kampfer: "Ich entschuldge mich."
Aurikel spricht: "Wärst du mir nah !"
Jasmin: "Bald bin ich wieder da."
Das Immergrün dir Treue bringt.
Nein, Labkraut nicht so unbedingt.
"Dich lieb ich," rauscht die Rose.
"Besetzt !" bauscht die Mimose.
Wacholder bietet Hilfe,
sonst nimm sie auch vom Schilfe.
Die Lilie ahnt dir Adel,
Frau Gurke gibt gar Tadel.
Ein Distelzweig schafft Nöthigung,
die Nessel-Brenn: Erröthigung.
Bartnelke prahlt Noblesse,
Entsagung klagt die Kresse.
Kaneel - der Keuschheit Muster.
Wer Spott liebt, schenkt Liguster.
Schön Beifuß macht mich glücklich.
(Dein Spargel ist nicht schicklich.)
Nach dir blüh ich und glüh ich im Fieber.
Freund, so nimm mich. Je-länger-je-lieber !
An mein Poesie-Album
Da liegst du arthig mir im Schoße.
O lieber Freund, du wohnst mir bei,
bist mein vertrauthester Genoße,
mein Büchlein, voll der Poesey.
Dein Deckel ist von Ziegenleder,
ein Rosenblatt liegt drin gepreßt.
So edles Kleinod hat nicht jeder !
Das Leseband ist goldbetreßt.
Die ersten Worte sind von Luther
und stehn gemahlt von Herrn Pastor.
Die zweite Seite schrieb mir Mutter,
die dritte hat ein Esels-Ohr.
Aus Vaters Feder floß es gestern,
daß es auf Erden eitel sei.
Dann vierzehn Confirmandenschwestern !
Ganz hinten sind noch Blätter frei.
Und manch Papier ist illustriret
mit Engels-Bildern aus Barock,
von Ambratröpflein süß beschmieret
wie Blüthenduft von Maienglock.
Doch fährt mein Finger durch die Seiten,
weilt er bei Falkes Versen schön.[1]
Für diese laß zu allen Zeiten
ich Shakes Peare[2] und Schiller[3] stehn.


An meinen Hüfthalter
Stolz trägt man dieses Jahr tournure
und dreht den cul koquett.
Der sitzt nur, wenn ich um dich schnüre,
mein Freund, dich, mein Corsett.
Empfängt die Zofe so Befehle
und hilft in die Toilette,
zwingst du zuvörderst Leib und Seele
zusammen erst, Corsett.
Wohl mancher starke Cammer-Page
verröchelte complett
nach der Gewalt der Takelage
von Gnäd'ger Frau Corsett.
Nicht nur umschmeichelst du die Runden
der Polsterung adrett.
Du hast mich oft schon todtgeschunden
vor Folterung, Corsett !
Hat sich verbogen eine Öse
und dringt durch erstes Fett,
dann ziepst du mich bis ins Gekröse.
O Peiniger, Corsett !
Ist einem Herrn gleich nach Verführung
als nur nach tête-a-tête,
dann muß er erst durch die Verschnürung
aus Gummi und Georgette.
Der forschen Knaben frechste Griffe,
wie Säbel von Florett,
verwehrst du eisern, wohl auch Kniffe,
mein Ritter-Hemd Corsett.
Doch wenn von solchen Cavalieren
ich einen gerner hätt',
laß zu Dornröschen ihn passieren.
Ich glaub, das wär mal nett...
Ganymed
( nach Goethen )
Wie er mich anglüht schon im Morgenglanze.
Lenz ! Frühlíng ! Geliebter !
Gleich in der Früh geht er aufs Ganze,
und was er hat, das gibt er.
Mit hundertfacher Liebeswonne
geb ich 's zurück und schmachte.
Doch lugt hervor die Morgensonne,
laß ab einstweilen. Sachte.
Umsonst, nicht bleibt solch Lasterleben
dem hellen Tag verborgen.
Könnt es nun wieder aufwärts streben ?
[4]- - - - - - - - - - - - -
Das nenn ich "Guten Morgen !"
Nachtwächters Wanderlied
( schon wieder nach Goethen )
Über allen Giebeln ist Ruh'.
In allen Winkeln riechest du
kaum einen Rauch.
Die Schweine vögeln im Walde.
Warte nur, balde
tust du 's auch.[5]
An mein Hühner-Auge
Muß ich mich des Abends bücken,
streifend ab des Strumpfes Spann,
blickt - welch wonniges Entzücken -
freundlich mich dies Auge an.
Dunkler Enge ärgste Nöthe
weiten wund den Damen-Fuß.
So dies Auge beut in Röthe
mir der Freiheit Liebesgruß.
Mit Gestirnen hat verglichen
man mein blaues Augen-Paar,
wenn die Wimper frisch bestrichen
mit der Touche wunderbar.
Männerblick, gelüstend sauge
nicht allein am Decolletée !
Noch traf dich, o Hühner-Auge
keines Cavalieres Späh.
Aber ziepst du ohne Gnade,
komm ich strafend dir, so nimms,
nach dem heißen Seifenbade
schleifend mit dem Steine Bims.
Drückst du dann noch die Pantöffel,
daß es bis zur Seele quält,
komm ich mit dem scharfen Löffel,
und dann wirst du ausgeschält.
Hühner-Auge, lohses Luder,
nein, du treibst es gar zu toll.
Gleich kauf ich den teuren poudre
von der Firma Doctor Scholl.
Heut verlangt es mich zum Balle !
Tritt mein Tänzer ungeschickt,
wird im mehrsten Unglücksfalle
mal ein Auge zugedrückt.

Migraine
Hahnenschrei ! Man hebt das Auge,
und es knüppelt wilder Schmerz[6].
Thränen ätzt es scharf wie Lauge
von der Schläfe schulterwärts.
Ach, es hämmern dir im Hirne
hundert Hammer ungehämmt.
Speeresspitze sticht die Stirne.
Es aus Fontanellen flämmt.
Jedes Glied ergreift die Lähmung,
jeder Regung tobt Torthur.
Und der Blick bricht in Beschämung,
späht das Spiegelbild er nur.
Muckend meldet sich der Magen
mordend nun mit Übelkeit,
bis der Trieb nicht mehr zu tragen
und es aus dem Spunde speit.
Stunden liegst du dunkel nieder
wie ein Vieh dahingestreckt,
kraftlos fingernd immer wieder
nach dem Riechsalz, weil 's erweckt.
Nun verfluchst du Welt und Götter
und versündigst dich dabei ---
sieh ! Nur zehn Minuten spöter
bist du von Migraine frei !
An meine Wärm-Flasche
Wie ich mich verfroren fühle
in der Cammer Schlafes Zweck,
kriecht mir klammen Winters Kühle
durch der Daunen Zugedeck.
Beulen bilden sich am Beine,
fröstelnd bis in Fingers Glied.
Reglos ruhst du, damit keine
Kaltluft an der Zehen zieht.
Statt daß Athmung hebe frei sich,
drückt sie dichter Decken Last.
Schneeluft scheidend, schniefst du eisig.
Nase netzt schon den Damast.
Wohl hat es der Hilfe Mittel,
lindernd solcher Lage Pein:
rufst du bebend nach dem Büttel
und dem heißen Ziegelstein !
Doch auch dem kömmt das Erkalten,
kaum daß er[7] dich angesengt,
eh er in die fernsten Falten
der Erwärmung Wonnen lenkt.
Fortan keiner muß mehr frieren.
Grad' gelang der Wissenschaft,
wirksam zu vulcanisiren
das Product vom Gummi-Saft.
Seine Wand ist nun beständig,
daß sie Siedendes erlaubt.
Füll das oben ein inwendig,
daruf den Deckel zugeschraubt.
Bloß zu Bett ! Vom kalten Hauche
spürst du spärlich eine Spur,
birgst das Ding du auf dem Bauche
oder sonst auf der Figur.
Wohlig wie das Fell der Katze
wärmt der Flasche Fluidum.
Und es riecht bis zur Matratze
nach Gummi und Arabicum.
Hat sie Brütung brav gespendet
jedem Theil des Körperbaus,
die Enteisung alsbald endet.
Wärm-Flasché - dann fliegst du raus !
Auch an meine Wärmflasche
Ach, wär ich dein Wärmfläschchen !
Wie machte ich dir warm
aus meinem Gummi-Täschchen
und läg in deinem Arm.
Ich heizte ein dir tüchtig,
so heiß man eben kann,
und würd auch eifersüchtig
der Schläfer nebenan.
Wird doch einmal gesundigt,
kein Grund, sich deß zu schömen:
Ich würde nur zum Spaß,
wenn ich ein bißchen undicht...,
mich sanft auf dir verströmen,
bis wir ganz pitschenaß.
Vom Turnen
Früher hat der Mann - gewändert -
keinen Schritt zuviel gethan.
Solches hat sich sehr geändert :
Schuld daran ist Vater Jahn.
Schweiß bricht aus dem Oberarm,
Schweiß steht ihnen auf den Sturnen.
Was sie treiben, macht sie warm -
Sieh, wie Deutschlands Männer turnen !
Auf dem Rasen, auf dem Saal,
regt man rüstig den versteiften
Körper bei dem Ritual
im Triquot, dem quergestreiften.
Brüste sich und Bäuche biegen,
weil Gymnasmus sie verdreht.
Wohlgeordnet dann in Riegen
schreitet man zum Turngeräth.
Hüften auf den Hölzern schwingen,
Schlucht der Barren-Holme gähnt.
Baumeld hoch an beiden Ringen
wird der Daumen ausgedehnt.
Droben dräut auch Reckes Stange.
Nun, Athlet, greif an und nimm !
Und schon wirst du ohne Bange
hochgehievt vom Zuge Klimm.
Bei stabilen Armes Stütze
fällt der Stand auf Händen leicht,
und es weist des Bartes Spitze
hin zum Haupt. Es ist erreicht !
Wechselwendend muß es sein.
Die noch grad am Seile hingen,
sieht man gleich mit breitem Bein
froh den braunen Bock bespringen.
Sind verbraucht die Vitamine,
ist gesteigert das Hormon,
schlüpft zurück in der Cabine
der Turner in die Confection.
Denk nur, in dem Raume träf ich
ein, der Sinn sich würd verwirrn,
denn es riecht wie Raubthierkäfig,
wo sich Männer ausgeschirrn.
Haben bleiche Inspectoren
tags den Ärmel noch geschont,
fühlt sich drauf wie neu geboren,
wer dem Turnsaal beigewohnt.
Turnen stärkt Gebein und Waden,
bläht der Lungen Flügel prall.
Trichterbrust und Knorpelschaden ?
Turnen soll man überall.
Tretet bracher Bronchien Bälge !
Tretet an in graden Reih'n !
Tretet auf zur Riesen-Felge !
Tretet gleich in den Verein.
Bis zerstreuet dir das Mark
liegt zur Ruh erst in der Urne,
stähl den Muskel mächtig stark.
Darum, Mann, sei threu und turne !

Doppel-Fehler !!
Heute sah ich auf dem Hofe
mit dem schweren Perser mühn
beim Zerstäuben sich die Zofe,
wie sie mit dem Klopfer ihn
kraftvoll schwingend zu tractiren,
teils in Vorhand durchgewühlt,
dann durch Rückhand zu voliren,
schlug, wie wenn man Tennis spielt.
Bevor davon ich berichte,
auszuholen sei erlaubt
mir in der Kultur-Geschichte,
bis der Teppich neu verstaubt.
Einerseits galt zu entdecken,
was den Continent verziert:
Beete, Sträucher, grüne Hecken
nach Franzosen Art frisirt.
Auch geschmackvoll andre Arten
fügten Landschaft zur Façon.
Nimm den Engelischen Garten -
hat man nicht viel Arbeit von.
Zu erheblichen Extasen
die ich zum Exempel nenn',
führt ein künstlich kurzer Rasen,
welcher wächst in Wimbledon.
Was nun ist das Wunderbare -
diese Frage sei erlaubt -
an der Gras-Auslegeware ?
Und was soll das überhaupt ?
Wichtig dabei, wenn du willst, ist
nach der Spielregel Gesetz
runder Gummi, der befilzt ist,
ein Paar Klopfer und ein Netz.
Herrn und Damen, weißgewändert,
dreschen aufeinander ein.
Welt, wie hast du dich verändert.
Double-Mischung - muß das sein ?
Ob beim Einzel, Doppel, Mixen -
eh' man auf den Rasen rennt,
ziemt es sich, auf ihm zu knixen
vor der Herzogin von Kent.
Andrerseits tut sich nicht schicken,
wenn ein Ball darniederliegt,
sich nach ihm hinabzubücken,
wofür Personal es gibt.
Ist schon spleen solche Aesthetik,
wird alsdann man ausgezählt
nach complexer Arithmetik,
was in Schweiß die Stirne quält:
Fünfzehn, Dreißig. Fünfundvierzig?[8]
Weit gefehlt, wer dahin denkt.
Britisch oberflächlich wird sich
schon a conto Fünf geschenkt.
Daß die schlagende Debatte
sich nicht Stunden zieht des Wegs,
bricht[9] den Herren die Cravatte[10]
man beim Stande 6 zu 6.
Was in Symphonie-Concerten,
solches auch im Mätsche gilt:
Applaudiren tun Experten
erst, wenn ein Satz ausgespielt.
Wer nun meint, als Sieg verdiene
man gepunzten Pracht-Pokal...
Als der Nothdurft Nacht-Terrine
solch Geschirr würd nicht einmal
Zweck der Dienlichkeit erfüllen.
und so sag ich mir im Stillen:
England ist zu wunderlich.
Tennis ? Nein. Kein Sport für mich.

Vom Nähr-Werthe
Und neue Nahrung, frisches Brot[11]
eß ich alltäglich wieder,
was sich dereinst aus vollem Schroth
von Manna goß hernieder.
Die Biene nährt sich von der Lilie,
leicht von la bö[12] der Landsturm.
Das Oberhaupt nährt die Familie,
der Single nur den Bandwurm.
Es nährt sich schlecht, wer hat Entbehrung,
es nährt der Efeu sich vom Stamm,
es nehrt vom Haffe sich die Nehrung,
es nährt von Seife sich der Schwamm.
Es nährt den Rost die alte Rüstung,
die Petri-Schale nährt den Keim,
es nährt den Säugling volle Brüstung,
es nährt Gedichtung sich vom Reim.
Es nährt das Geld der Alimente,
es nährt vom Pinsel sich der Strich.
Es nähern sich ja Continente -
wann endlich, Liebster, näh'rst du dich ??
Vom Erd-Apfel
Ihr wißt aus Mosis Buch Berichten
vom Anfange und von den Früchten.
Warum, o Weib im Paradiese,
hast du gemieden die Gemüse ?
Überirdisch leicht erfahrbar
sind Rapunzel und Rhabarber.
Doch der Landwirtschaft zum Ruhme
erst gereicht, was i n der Krume.
Der Agrarier ahnt: Was hätt ich,
wär 's Radieschen nicht, noch Rettich,
drängen aus dem Acker drüben
nicht die Mohr- und Runkelrüben ?
Voller Stolz beschaut er wohl
rings des Rabis runden Kohl.
Doch sein größter Schatz der Scholle
keimt in der Kartoffel Knolle.
Gekocht, gebraten und gefritten,
Croquetten Art und Béchamel...
Mein Favorit ist unbestritten
der Hochgenuß: Cartoffle-Pêlle,
so gold und gar, vom Salz gekrönet,
mich reich, kaum daß sie abgekühlt,
zu guter Butter fein verwöhnet,
mit dicker Milch hinabgespült.
Wenn ihm der Boskop nicht beschieden
in Edens edlem Garten wär ---
vielleicht hätt' Adam noch vermieden
den Sündenfall mit Pomme de Terre !?
Coffee-Genuß
Du Verführer, kleine Bohne,
ob mit Coffein, ob ohne –
(frisch gebrüht ist aber wichtig)
nach dir ich bin heillos süchtig!
Welche Freude wird entfesselt,
wenn das Wasser siedend kesselt.
Aufgegossen in den Filter
auf den Coffee, und schon quillt er.
Hör ich es nun knistern, flüstern,
tröpfeln, werd’ ich langsam lüstern.
Schon fühl ich die Säfte steigen,
von dem Duft noch ganz zu schweigen...
Ist gefall’n der letzte Tropfen,
spüre ich mein Herz nun klopfen
selbst in diesen frühen Phasen.
Wie erst wird es später rasen,
wenn den Trank ich aus der Tasse,
die ich leicht am Henkel fasse,
dessen es sehr wohl bedürfe,
da er heiß, genußvoll schlürfe!
Mit dem Schluck, dem ersten vollen,
laß ich ihn zum Gaumen rollen.
Fließt mäandernd dann zum Schlund er,
Zeigt sich gleich das nächste Wunder:
Durch die Eustachische Röhre,
schleust er wahre Wonnechöre
aus Aroma bis zur Nase:
olfactorische Extase!
Ist der Coffee dann im Magen,
läßt viel mehr sich gar nicht sagen,
außer daß er Wärme spendet
und die Lebensgeister sendet
bis in ferneste Arterien.
Ja, dem Körper ist wie Ferien.
Doch der Wirkung allermeiste
dient nach kurzer Zeit dem Geiste.
Wo noch eben Qual und Mühen,
läßt er nun Synapsen sprühen.
Schnell entsteh’n in diesem Lichte
Reichspatente, auch Gedichte.
Doch nun spür’ ich, (nach zwölf Tassen)
seine Würkung nach schon lassen.
Auf die Dauer gut? Mitnichten.
Ja, so ist es mit den Süchten...

Das Rühr-Ei
( "Noli me tangere !" )
Was kann den Schlemmer mehr beglücken
als feisten Federviehs Product ?
Developpiert daraus kein Kücken,
wird 's appetitlich géfrühstúckt.
Zwei Eier-Tique mit Angostura
auf einer Knolle Sellerie
verschaffen Lüste con bravura.
Man ist nach halber Nacht perdu.
Zwei Eier-Knique mit Sauce Wuhster,
dann frisch die Braut hinfort verschleppt,
wofern die Bettstatt und es duhster -
so lautet altes Hausrecept.
Bis irgendwann die Waschfrau meckert,
wenn das Malheur zu oft passiert :
Schnell ist die Chemisette bekleckert,
weil man das Ei zu kurz pochiert.
Auch appellier ich an den Freier
und mehr noch an das Fräulein Braut :
Es ist ein Jammer um die Eier,
wenn man uns gleich in Stücken haut.
Kömmt auch an dich der Minne Rühren,
und hungert dich nach Ei und Mann,
koch mich zur Liebes-Ouvertüren
recht hart, doch "Rühre mich nicht an !"[13]

Das Lied von der Glucke
Ach, wie schweift es mir beim Denken
mit dem Hirne hier bis dort.
Will mich eins zum einen lenken,
drängt es doch zum andren Wort :
Läßt ein Wald die Blätter fahren,
steht er nackend manche Zeit.
Und schon mahnt mich solch Gebaren
an den Akt der Schicklichkeit.
Kommt Brünnhilde auf Erweckung,
beut ein Ténor keusch ihr Kuß.
Kommt das Sperlingspaar zur Deckung,
nein, - Gedanken-Strich und Schluß !
So sing ich in der nächsten Strophe,
weil vor mir des Frühstücks Ei,
folglich von dem Hühnerhofe,
wo so Sachen mancherlei.
Sitz ich denn beim Morgenmahle,
dampft das Ei in Bechers Ruh.
Hart und bräunlich ist die Schale.
Mehrmals haut mein Löffel zu.
Ist es jäh geköpft im Rucke
und mit Einbiß fast so weit,
denk ich sühnend drob der Glucke,
die 's gebar. Sie tut mir leid.
Sind wir wirklich Christi Glaubes,
zaglos zechend Tag um Tag ?
Threuen Haus-Tiers Kinderraubes
ich uns Esser ernst beklag.
Schon der Jüden Fürst, Herr Rodes,
hieß den Meuchel zu begehn.
Nun zu Tisch Barbaren-Modes,
wie zu Bethlehem geschehn ?
Denkt doch, welche Lebensfreude
wird der Mutter sonst vertan.
Elternschaft erhofften beide
nach der Gattung. Auch der Hahn.
Daß der Eierschalen Splitter
man zum Pique-Nique ihnen reicht,
dünkt mich daher doppelt bitter.
Ja, der Mensch macht es sich leicht,
den schon beraubten Kindesmüttern
das Cape der Küchlein ohne Arg
zu bieten, sie mit dem zu füttern,
was ihrer Hoffnung Kindersarg.
Der Genuß ist mir vergället.
Drum hinfort das Becher-Ei.
Wer noch solches sich bestellet,
denke eines doch dabei :
Dichtung dir und Dotter sagen
"Ende dem Gemetzel nun !"
Muß schon Eiweiß in den Magen,
dann auch gleich das ganze Huhn.
Die Liebe im Allgemeinen
Was ist lieblicher als Liebe ?
Jeder mild sein Liebchen minnt.
Nur, anstatt daß sie nun bliebe,
kommt es vor, daß sie vonhinnt.
Ist wer in Neigungssachen wahllos,
wird Nächstenliebe zum Complex.
Bei Ödipus und auch Don Carlos
zeigt sich das Mahl des Mutter-Flecks.
Brahms ! Er kannte zwar die Clara,
doch sie war ja schon vermählt.
Abraham erkannte Sarah
spät. (Sie hat sich sehr gequält.)
Viel läufig war Othellos Nase,
ein Taschentuch grad nicht zur Hand,
daß in allergischer Extase
verschnupft die Eh' ihr Ende fand.
Auf Neu-Schweinstein, was in Schwaben,
war es schwüle im Salon.
König Ludwig kieste Knaben,
Frauen war er kein Freund von.
So mancher Jüngling stand auf Leda -
die hatte nur Geflügel lieb.
Mir schwante, ging sie in die Feder,
mit Vögeln frönte sie dem Trieb.
In Hellas hielt man 's sonst platonisch,
aus Rom gab 's dafür kaum Applaus:
Noch Nero trieb es philhormonisch.
Dann starben auch die Römer aus.
Ach, die Exempels sind zum Weinen,
denn Leidenschaft schuf hier Problem.
Die Liebe - so im Allgemeinen -
ist sonst durchaus auch angenehm.

Von der Altherung
Vieler Forscher Interesse
gilt der strengen Wissenschaft
von dem Altherungs-Processe,
welcher mehr als räthselhaft:
Geht der Most auf starke Gärung,
wird er übers Jahr erst fein.
Drängt Schlag-Sahne auf Verzehrung,
darf sie nicht von gestern sein.
Ist die Jungfrau um die zwanzig,
steht in Blüthe sie, in Kraft.
Gute Butter wird gleich ranzig,
wenn man sie vom Kühlraum schafft.
Seht die stramme Deutsche Eiche,
wo noch rüstig steht mit hundert.
Gar bedenklich riecht die Leiche
nach zwei Tagen, was nicht wundert.
Mensch, gedenke nicht ans Althern !
Gehst du in dich - oder fremd,
mußt du doch dereinst erkaltern,
und dann wärmt kein Büßerhemd.
Vom Geruche
In des Angesichtes Mitten,
und zwar vorn, wo auch die Brust,
sitzt nach Urzeitalters Sitten
schon in frühster Menschheits Phase
jenes Ding, genennet... „Nase ?“
Gut, Sie haben es gewußt.
Das Organ ist vielfach nützlich:
schafft dem Schnupfen freien Fluß,
ist dem Brillenholme stützlich,
hilft ‘s Französisch zu verbessern,
mehrt die Siedlung von Mitéssern,
riecht den Braten mit Genuß.
Leider ist nicht nur erfreulich,
was ins Nüsternloch geräth:
Fisch in Fäulniß, gleichsam gräulich
Männerstiefel nach Gebrauche,
Gorgonzola, ja auch Jauche,
wenn der Landwind her sie weht.
Geht Haut-Gout von schlechtem Schinken,
auch der Achselhöhlen Duft,
in Stupsnáse oder Zinken,
besser wende dich von hinnen,
weil dich sonst, da du von Sinnen,
schnell der Schöpfer zu sich ruft.
Aus dem Bürtzel eines Bullen
macht man im Chemie-Labor
milden Moschus, in Ampullen
abgefüllt und dann erbrochen,
hält die Wirkung, dran gerochen,
wochenlanger Ohnmacht vor.
Auch am Salze läßt sich laben,
wenn es einen überkömmt.
Nur, man muß es bei sich haben.
Manche mag es überraschen:
wöchentlich soll man sich waschen,
sonntags in ein frisches Hemd !
Solches kam nicht im Barock vor,
in den Wohnungen Versailles
roch es gar gestreng nach Roquefort,
Gouda, Camembert und Chester,
denn man trug es bis Sylvester –
bis gestärkt es stand vom Schweiß.
Reich riecht uns die rose Rose,
schwer ist Lavendels Blütenmeer.
Leider riecht es der Franzose
in den Nebenhöhlen nicht.
Seit der Zeit ist alles dicht,
da er gescheut das Sanitair.
Bestürzung
Es stürzt hinfort, wer sieht Gespenster.
Es stürzt der Chefarzt ins Skalpell.
In Prag stürzt leicht man aus dem Fenster.
Es stürzt den Pudding die Mamsell.
Es stürzt Pharáo, der Agypter.
Es stürzt das Blut bei der TB.
Der Sarkophag stürzt in die Krypta.
Es stürzt der Säufer zum WC.
Es stürzt, was erzkatholisch, Luther.
Es stürzt ab das PC-Programm
Die Leibesfrucht stürzt aus der Mutter.
Es stürzt die Mure mang den[14] Schlamm.
Es stürzt sich Siegmund auf die Schwester.
Es stürzt der Oker-Fall im Harz,
Marlene Dietrich ins Orchester[15].
Es stürzt Gehör beim Ohren-Arz[16].
Ihr stürzt nieder, Millionen !
Nach dem Czar der Kommunist. ---
Bundescanzler[17], gottbefohlen,
bleibt im Sessel, wo er ist.
[1] Nach dem aktuellen Stand der Forschung handelt es sich hierbei um einen zur Jahrhundertwende beliebten Vierzeiler, für dessen Verfasser die Autorin irrtümlich den Dichter Gustav F. (1853-1916) hielt.
Schiffe ruhig weiter,
Wenn der Mastbaum bricht.
GOtt ist Dein Begleiter,
Er verläßt dich nicht !
[2] englischer Dramatiker
[3] schwäbischer Dramatiker
[4] Das Originalmanuskript enthielt an dieser Stelle eine pikante anatomische Skizze, die von der Autorin später unleserlich gemacht wurde. Das Modell soll unjüngst in biblischem Alter verstorben sein.
[5] Das Gedicht wurde in allen bisherigen Ausgaben sträflich unterschlagen. Für Anhänger des oft gepriesenen Rungholdschen Platonismus mag das eine herbe Enttäuschung bedeuten, der Herausgeber möchte aber an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ein möglichst komplettes, das heißt ungeschöntes Bild der Lyrikerin entwerfen.
[6] Dem einschlägig kränkelnden Publikum kann zur Vermeidung unliebsamer Anfälle eine Lektüre dieses Gedichtes nicht empfohlen werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen... - Sie kennen ja den Spruch.
[7] N.B. der Ziegelstein und nicht der Büttel
[8] Auch wenn die Liebe für E.R. eine zentrale Rolle spielte: Kenner der Materie wissen, daß "Fifteen - Love" nur eine Verballhornung des französischen "l'oeuf" ist. Zum Thema "Eier" sei auf die entsprechenden Gedichte verwiesen.
[10] Auch wenn die Autorin hier die Vision der nämlichen Regelung mit den Gepflogenheiten Rheinischer Weiberfastnacht in unzulässiger Weise vermengt, war die Einführung des "Tie-Break" nur noch eine Frage von Jahrzehnten.
[12]Die Autorin hatte sich mit einem eigenwilligen Entwurf an der Ausschreibung für das Marineehrenmal bei Kiel beteiligt. Anstelle ihrer Idee für einen Rundbau nach dem Vorbild einer Feuerqualle hat man sich 1927 für die Silhoutte eines stilisierten Fischstäbchens entschieden.
[13] vergl. Vulgata Joh. 20, 17
[14] Am Fehlen der sonst üblichen sprachlichen Souveränität darf man vermuten, daß diese Strophe, möglicherweise das gesamte Gedicht, von fremder Hand stammt. Vergl. die Überschrift des nächsten Abschnittes "Kunst und B."
[15] Die Künstlerin brach sich bei jenem Unfall 1973 ein Bein. Ihre schleppende Genesung wird noch heute u.a. mit nächtelanger Lektüre Rungholdscher Lyrik in der Klinik erklärt, was fast 20 Jahre später zum Tode führte.
[16] Wieder einmal opferte die Autorin schweren Herzens einen Buchstaben der damals in Friesland geltenden Reimgesetzgebung.