ELISABETH RUNGHOLD - Lyrik und Prosa eines friesischen Fräuleins

Kunst & Banausen

 

 

 

 

Von der Büldenden Kunst

 

Ob im Freien, wo es ländlich,
ob in Kreisstadts Hoch-Bohème,
malt man gottlob gegenständlich -
für mein Auge angenehm !

 

Durch die Haare eines Dachses
ist die Fläche schnell beschmiert.
Kaiser Wilhelms, Landgraf Maxes
werden also portraitiert.

 

Schönt die Leinwand eine nackte
Weibsperson, die prominent,
spielt der Pinsel ins Abstracte,
daß man sie nicht wiederkennt.

 

Tintenfaß und Silberleuchter
hitzen weniger Gemüt.
Wird die Wasserfarbe feuchter,
nennt man das ein Aquavit.

 

Besteck, Terrinen, leere Teller
setzt der Schüler dann ins Bild.
Volle Flaschen aus dem Keller
es erst auszutrinken gilt.

 

Alte Meister aus Italien
fügten, wenn ich mich nicht irr',
tafelfrische Victualien
auf das Porcellan-Geschirr.

 

Stumm steh ich vorm stillen Leben,
drauf die Leckerei man sieht.
Obst, Fasane, reife Reben
machen mächtig Appetit.

 

Nur, was nützet die Palette
bei des Magens Hungerloch ?
Lüstet mir nach der Boulette,
nicht Gauguin genügt noch Gogh,

 

Arcimboldo laß ich stehen
im Museum, auch Monet.
Das Auge hat genug gesehen.
Wo geht 's, bitte, zum Buffet ?

 

 

 

 

 

 

Abendroth

 

Wie das Auge trunken weidet
über Küste, Koog und Knick.
Nordens Licht die Welt uns neidet.
Trifft Toscana noch ein Blick ?

 

Satt in Glut von dunklem Golde
sinkt die Sonne. Sieh und schau.
Einer sieht 's nicht: Emil Nolde,
denn sein Pinsel macht sie blau.

 

Ist es fassbar wohl ? Ich wette,
dies verirrte Musenkind
mit der peinlichen Palette
ist womöglich farbenblind.

 

Ach, wohl steht von buntem Lack voll
sein beengtes Atelier.
Makart malt doch auch geschmackvoll,
wenn ich mir sein Öl beseh.

 

Wo umblaut uns Seebülls Himmel
gräulich in Resedagrün ?
Nolde tuscht noch schwarze Schimmel -
sowas häng ich mir nicht hin.

 

Hebt der Himmel an zu Röten
über Frieslands flachen Flor,
greif zur Farbenlehr' von Goethen !
Dann kommt das nicht wieder vor.

 

 

 

 

 

 

Homer

 

Unsrer Dichter Lied vom Norden
lallt zur Lure weit die Welt.
Sagen südlich heis'rer Horden
mag doch lesen, wem 's gefällt.

 

Gutrun ! Parzifal ! Das sungen
unsre Väter seit jeher,
dann das Lied der Nibelungen,
um nicht zu sagen Thannhäusér.

 

Felix Dahn erzählt emphatisch,
der den Kampf um Rom erlebt,
und hat diesen drum dramatisch
zum Romane umgeept.

 

Gustav Freytag, solchen Sänger
liest man lang auf Marathon.
Seine Lieder sind noch länger
als die Bücher-Telephon.

 

Leider hab ich kaum capiret,
was aus Königsberg von Kant.
Wär sein Werk nur illustriret
für den schlichteren Verstand !

 

Doch hellenisches Gequieke
sperrt mir jeden Lese-Spaß,
nennt sich "Edda der Antike"
auch die Mähre "Ischias"
[1].

 

Wie im Dutte der Medusa
steht mein Nackenhaar empor,
klingt es "moi ennepe mousa."
(Andra kömmt drin auch noch vor.)

 

Es entbrannte lichterloh ja -
gar zur Gänze aufgezehrt -
ab bis auf die Mauern Troja
sammt Helenen, sammt dem Pferd.

 

Doch ein Dichter hat 's notiret
in der Jamben Daktylus,
als ob damals er gespüret:
Übermorgen ist hier Schluß.

 

Mehr als ungezählte Tage
hat kein Mensch sich drum geschert.
Und so blieb die Erstauflage
ungelesen, ungehört.

 

Bis, den Stadtplan in der Tasche,
Heinrich Schliemann gab Besuch,
traf in Trümmern an, in Asche
endlich das begehrte Buch.

 

Auch gewann er den Genossen,
gebend dem das Deutsche Wort,
nämlich Johann Heinrich Vossen
setzte über nun nach Nord.

 

Leser aller Herren Länder
haben dieses wohl geschätzt,
und es wird, mehrere Bänder,
g'rade griechisch übersetzt.

 

Vielfach füllten wenig später
die Gesänge sintemal
hunderttausend Hexameter
reich in jeglichem Regal.

 

Nein, ich präferir doch Runen
ungelenker Griechenschrift.
Unsere Scholaren stuhnen,
wann man immer auf sie trifft.

 

Myriaden Strophen ! Wer se
kennt, weiß: alles fließt.
Dichter der "Achilles-Verse"
[2] !
Schweiß rinnt, wo Homer man liest.

 

 

 

 

 

Shakespeare

 

Von Cap Hoorn bis Cap Arkona
kennt seit langem jedes Kind
die Cap Bulettis aus Verona,
wo zweie früh verstorben sind.

 

Fehlte beiden auch Erfahrung
in der Liebe Lebensart,
probten sie sich in der Paarung
weit vor unsrer Gegenwart.

 

Shakespeare hat den Stoff gefunden
in Italiens alter Mähr,
und sein Werk währt drei, vier Stunden.
Gibt es wirklich so viel her ?

 

In dem Handlungsablauf schuf er
finstre Väter - besten Dank -,
denn sie war'n vom andern Ufer
oppositioneller Bank.

 

Menschen meucheln Mordschwadronen,
weil 's den Dichter da gepackt.
Immer weniger Personen
zählt das Stück im letzten Akt.

 

Gift vom schnöden Schierlings-Pilze
wirkt woanders, denn "es war
die Leberwurst und nicht die Sülze".
Dichtung ist doch sonderbar.

 

Sind am Ende erst noch über
zwei, nachdem das Werk benannt,
legen die in Wahnes Fieber
auch noch an sich selber Hand.

 

Der Tragödie war nun Schluß
von Romea und Julius.

 

 

 

 

Eugenie Marlitt

 

Asche ich aufs Haupt mir streu.
Weh, wo fänd die Waisin Frieden ?
Denn die Dichterfürstin Eu -
Genie Marlitt ist verschieden !

 

Es machte jäh sich aus dem Staube
der Deutschen Dichtung Gärtnersfrau.
Verwittert welkt die Gartenlaube,
schwer stürzt der Sprache Festungsbau.

 

Kein Gejünger je erahnte,
daß es eines trüben Tags
nimmer neu aus ihr romante.
An gebrochnem Herzen lags.

 

Auf !  Bestreut nun ihr Gebeinen,
das in Goethes Gruft gehört,
klagend mit Karfunkelsteinen
[3],
bis es vom Gewürm verzöhrt.

 

Glückhaft gern genöß die Gnade
ich, wär selbst ich solch Gethier
und dürft nähren mich als Made
kalt, doch köstlich nur von  ihr.

 

Leider hindern Leichentücher
an der Lyrik Liebesschmaus  -
so verschling ich ihre Bücher.
( Kommen grade neu heraus. )

 

 

 

 

 

Klavierstunde

 

Unter allem Holzgemeuble,
was im Staube des Salon,
ist von ganz besondrem Öbel
das Klavier. Ich weiß davon.

 

Büsten, Deckchen, schwere Vasen
machen kostbar drauf Décor.
Musicalische Extasen
kommen seltener schon vor.

 

Künstlich ziert den großen Kasten
Typenwerk von Elfenbein.
Wären nicht noch schwarze Tasten,
könnt Klavierspiel einfach sein.

 

Ach, das Fingern wird ermüdend,
steht der Wald von Kreuzen voll.
Ob gavottend, ob etüdend  -
schon im Dure. Erst in Moll !

 

Heut um vier muß ich zur Stunde
in des Fräuleins Institut.
Demoiselle riecht aus dem Munde
und auch sonst nicht mehr sehr gut ...

 

Tief liegt ihr die Stirn in Faltung,
kein  legato  mehr darin.
Werth legt sie auf Knöchelhaltung.
Haare wachsen vorn am Kinn.

 

Paderewskis schwarze Locke

hängt gerahmt von Edelholz.

Griegs Gebiß, Tschaikowskys Socke

bewahrt sie mit besondrem Stolz.

 

Jeder Fehl der Töchterinnen
macht das Fräulein tief betrübt.
Fix von vorne muß beginnen,
wer die Stelle nicht geübt.

 

Ach, wie wird mir erst elendig,
strauchelnd durch der Töne Strom,
straft das Fräulein mich vierhändig,
bis verlahmt das Metronom.

 

Leid bin ich des Tones Leitern,
denn mein Daumen ist zu schwach.
Und ich glaub, ich lern desweitern
nun auf Geige. Oder Schach.


 

 

 

 

 

 

Anton Bruckner

 

Linzer Torte ist mir Marter
für der Zähne Zwischenbiß.
Linzer Componist ? Uns narrt er :
Bruckner heißt dies Hinderniß.

 

Muß ihn zeihen einer Ohnart,
da ich seinen Opus seh.
Symphonien in jeder Tonart,
doch nie in des Dures C.

 

Warum warst du hier enthaltig ?
Weil kein Kreuz dem Christen lacht ?
C-moll dafür gleich dreifaltig
in den Numros eins, zwei, acht.

 

Zwecklos ist da dein Dementi.
Ein Exempel spiel ich hier
( auch catholisch war Clementi )
sonatinend auf Klavier.

 

Klerikal du contrapunktest,
keine Coda ohne Fug,
weil die Feder tief du tunktest.
Halbe Länge wär genug !

 

Jedes Stück währt eine Stunde.
Bruckner, brauchst du die durchaus ?
Geh, wer mag, da vor die Hunde -
ich steh mehr auf Johann Strauß !

 

 

 

Franzerl

 

Zu verlegnem Abend Roethe
wird mir in dem Busen bang,
hör ich Dichtendes von Goethe
aus der Kehlen Kunstgesang.

 

Wälzer, Ländler, Impromptüsen
schuf uns vielfach Franz P. Schubert.
Spielst du auf Piano diesen,
bist du gleich von ihm bezubert.

 

Doch erst seiner Lieder Liste
(davon schrieb er täglich zehn!)
gab der Gottheit das Gerüste,
wo bis heute bleibt bestehn.

 

Zwar auch pflegte C.F. Zelter
des Getöns vom Goethe-Vers,
doch mich dünkt sein Duktus kälter.
Schubert - ihm besorgte  e r ’s.

 

Gab gar Obst den Orgelton:
Zeigt, wie die Zitronen blühen,
mehr im Pampel-Musensohn
muß das Vitamin sich mühen.

 

Ruhlos regt sich Margarete
(im Gemüthe steht der Mann)
über ihres Herzens Nähte,
bis sie spinnt wie Gütermann®.

 

Ach, mit ernstem Eifer frön ich
jener Märe auf dem Pferd,
wenn vom Vater Erlenkönig
sich den Knaben ausbegehrt.

 

Der vollendet viel zu früh,
steht am Ende der Ballade.
Schuberts h-moll-Symphonie ?
Unvollendet - och, wie schade.

 

Bei dem Umstand, und den weiß ich
aus der Biographen Sicht:
Franzerl wurde einunddreißig !!
Und beschloß sie trotzdem nicht.

 

Von Freund Heines scharfer Schere
blieb auch Schubert nicht verschont.
Sonst hätt’ wohl die Farbenlehre
er von Goethen noch vertont...

 

 

 

 

 

Antonio Vivaldi

 

Hoch verjubelnd und umbrausend
tost Beethóvens Opus Zahl.
Dabei reicht sie nicht ans Tausend
wie Vivaldis wohl einmal.

 

Jener schrieb der Symphonien,
wie es sich gehörtet, neun.
Dieser doch, was längst verziehen,
ließ es nicht bei neunzig sein !

 

An Sonathen, unerhörten,
sind noch Myriaden
[4] da.
Und es bricht auch in Concerten
kühn des Dreiklangs Tunika.

 

Freilich für vier Jahreszeiten
hat sein Eifer sich gelohnt.
(Mit der Tage Einzelheiten
blieben gütlich wir verschont.)

 

Im Concert-Saal macht es schlecht sich,
denn es hört zu spät erst auf,
spielt man dreihundertfünfundsechzig
und im Schaltjahr noch eins drauf.

 

Allenthalben klingt 's Vivaldi
aus der Geigen-Zargen Loch.
Sein Gezirp verzaubert all' die,
welche je gelauscht ihm noch.

 

Meist war dir die Muse gnädig,
wo Frau Musicam bethreut,
Vielvertöner von Venedig,
Des Barockes Alt-Bayreuth.

 

 

 

 

 

Max Lorenz

 

Kein Freund von Hoch-Koloratorens,
jedoch im Wagner-Fach famos
ist unser Heldentor Max Lorenz.
Seiner Laufbahn Lenz legt los.

 

Es gehn dir der Soubretten alle,
den Knaben kosend, bis er schwach,
in des Tenores Parsifalle,
ob Metz-Sopran, ob Zwischenfach.

 

Herrn Hunding huldigte Sieglinde,
wär ihres Bruders Hals nur dünn.
Und seiner Gurgel warme Winde
nicht nöthigten noch Hilde-Brünn.

 

Vor deiner schrecklos schieren Puste
erschauert weh Walhallas Welt.
Des Klingsors Garten wird zur Wuste,
wenn solch Organ dagegenhält.

 

Zwar war der Blumenmaiden Zier
verblüht schon zu der Zeit von Völker
[5],
doch schlimmer liegt der Schaden hier:
Was wonnig ward, wird welk und wölker.

 

Harsch hört dein Timbre man tenoren
von Bayerisch Zell
[6] bald bis Bayreuth.
Du bist fürs schwere Fach geboren,
drum hüte dich vor Heiserkeuth.

 

Du bist von hartgesottner Sorte.
Kein säuselnder Pamino, nein,
Frau Flagstad
[7] fürchtet fahl dein Forte,
mischt sie duettend sich mit ein.

 

Um Frau Ortrud zu erniedrigen:
Kein Fortissimo zu laut. ---
Um Frau Elsa zu befriedigen,
braucht auch Pianohauch die Braut.

 

Drum, ist das süße Lied verlallt,
versuchs wie Lauritz
[8] leis, o Lorenz.
Brauchst da du, Wüthender, Gewalt,
hält sie sich zu die Melchi-Ohrens.

 

 

 

 

 

 

Sonett

 

Vorsänger, führender ! Pracht producirender,
aquarellirender Melodrammierender,
Liedgut durchleuchtender, Brillen befeuchtender
Dämon uns deuchtender - sei mir gegrüßt !

 

Rachenraum rollender Gott, Wotan grollender,
Schumann nicht schmollender Carnegie-Hallender,
alles Veredelnder, keiner Zeit knödelnder
Martha einst Mödelnder. Was ich noch wüßt ?

 

Goethisch begüterter, Doktorbehüteter.
Bildend uns bleibender, Sachbücher schreibender,
Taktstock nun Treibender, der uns versüßt

 

Stunden, die schlagenden, weil so behagenden.
Schön anzuschauender, ewig erbauender
Fischer
[9], dies Kauender. (Falls du das liest...)

 



[1] Zu diesem Gedicht konnte kein Autograph mehr gefunden werden. Die einzige erhaltene Kopie ist an dieser Stelle eingerissen. Der Kopist mag das Wort durch einen dem friesischen Alltage vertrauteren Begriff ersetzt haben.

[2] Zwischen den Werken "Homer" und "An mein Hühner-Auge" liegen zu viele Jahre, als daß man darin eine bewußte Analogie erkennen sollte.

[3] Ein Jahrgangsband der "Gartenlaube" (1885) mit starken Gebrauchsspuren im Abdruck der "Frau mit den Karfunkelsteinen" befindet sich noch heute im Besitz des Herausgebers. Es ist nicht auszuschließen, daß er aus dem Putfarkenschen Haushalt stammt.

[4] Hier irrt die Autorin. Mindestens zwei Triosonaten müssen als nichtauthentisch angesehen und Georg Fritz Hudelmann zugeschrieben werden.

[5] Franz V. (1899-1965), berühmter Parsifal-Darsteller u.a. in Bayreuth. Dem Eindruck der Autorin entgegen war er nur zwei Jahre älter.

 

[6] Außer einer von Laienspielgruppen gern genutzten Mehrzweckbühne im Gasthof "Zum Hirschen" befinden sich am Ort heute keine für die Aufführung Wagnerscher Musikdramen geeigneten Spielstätten mehr.

 

[7] Kirsten F. (1895-1962) sang noch in der Spielzeit 1949/50 mehrmals die Brünnhilde neben dem Siegfried M.L.s an der Mailänder Scala. Wie Tondokumente zeigen, hatte sie gute Gründe, im 1.Aufzug der "Götter-dämmerung" das hohe C auf den Text "Heil!" auszulassen.

[8] Lauritz M. (1890-1973) zweifelsohne bedeutendster Wagner-Tenor des Jahrhunderts, dennoch von der Autorin unbedichtet geblieben, da er nie als Orest in der Operette "Iphigenie in Aurich" nach einem Runghold-Libretto aufgetreten ist.

 

[9] Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, Dietrich-Fischer-Dieskau könne gemeint sein, handelt sich vermutlich um den Baß-Bariton Emil Fischer (1838-1914). Der gebürtige Braunschweiger kam 1885 an die New Yorker Metropolitan Opera, deren Mitglied er bis 1891 blieb, dem Eröffnungsjahr der Carnegie Hall. Noch als 69jähriger sang der gefeierte Wagner-Interpret den Wahn-Monolog.