ELISABETH RUNGHOLD - Lyrik und Prosa eines friesischen Fräuleins

Aus dem Romanfragment  „Herz ohne Heimath“

 

 

Augustens Abendgebet



Inbrünstig umschlangen Augustens zartgegliederte Hände das schlicht gearbeitete Crucifix, welches schon seit den fernen Tagen der Erst-Communion ihren wohlgeformten Hals zierte. Das sanft gelockte kastanienbraune Haar fluthete ihr nun wallend bis in den Schooß, als sie sich vor dem Bildnisse der GOttesmutter niederließ, um das Nachtgebet zu sprechen, wie es sie die selige leibliche Mutter gelehrt hatte, die allabendlich wie aus weitem Wolkenhause güthig auf das einsame Kind herniederblickte, seit Auguste zum ersten schweren Gang in die Fremde die Freitreppe von Schloß Threuenfels emporgeschritten war.

 

Kaum vernehmbar bewegte die auf dem Plüsche vor ihrer acuraten Bettstatt Knieende das blaßrote Lippenpaar, aber es waren nicht die geweihten Worte, welche aus den unergründlichen Vorhöfen ihres reinen Herzens drangen, denn der junge Vermessungs-Ingenieur ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Bis in die fernsten Winkel ihrer Mädchenseele spürte sie, daß ab heut eine andere Auguste ihren ruhelosen Busen regierte, der von den ersten Knospen liebender Regung bis zur scheuen Ahnung bangen Erfülltseins noch in Wonnen schauderte.

 

Und vor ihren geschlossenen Lidern thaten sich von neuem die herrlichen Bilder des verflossenen Pfingstsonntages auf, wie sich ihre Blicke zum ersten Male am Morgen nach dem Kirchgange mit dem Funkeln amethystenen Feuers getroffen und sich nach der Theestunde unter verwunschenem Schatten der schimmernden Wasserrosen wiederbegegnet waren. Oh, güthiges Geschick, als er ihr das unachtsam auf dem Comptoir-Pulte ihren erregten Händen entglittene Gebetbuch mit einer ritterlichen Reverenz züchtiger Sympathie nach Tische zurückreichte! Nun aber erst - welche Wonnen waren ihrem Seufzen entflossen, als sein tonvoller Name abermalig die Luft durcheilend erfüllte, dieselbigen Worte, welche Auguste seit den von süßer Erinnerung umfloorten Kindertagen in Trautwaldsdorf nimmer entschwunden, und die sich beim Flackern des flammenden Lichtes und ihrer sich im Widerscheine aufbäumenden Seele erneut bebend ihren kraftlosen Lippen entwanden:

 

"Karl-Hugo !"

 

Und mit dem Hauche seines Namens löschte Auguste die Kerze.

 

 

 

 

 

Augustens Musik-Studium



 

Aus der entbietend weit geöffneten Altanthüre des matt illuminirten Musik-Salons zitterten magische Akkorde und brachen sich bang in Mählung mit rastlosem Rauschen des marmorschweren, mit kostbar porcellanenen Wasserrosen gezierten Bronnens, der zu Füßen der stattlichen Freitreppe von Schloß Threuenfels den Wanderer nach dem kunstvollen Kieswege in den nachtschwarzen Parque wies. Längst war die letzte Fermente des bewußten Klavierstückes verklungen, aber noch blickte Auguste in stummer Versenkung auf das nach gelehrsamen Bauplane so unergründlich zerstreuend mit weißem Elfenbeine oder schwärzlichem Ebenholze gefertigte Getast, welches sich wieder einmal so willfährig vom cultivirten Anschlage dieser feingegliederten Hände anrühren hatte lassen.

 

Erstmals heute hatte sie sich versucht an der nur ihr allein zueignend gewidmeten Composition des vielversprechenden jungen Capellmeisters, gewiß wohl Schwarm aller Frauenspersonen auf dem gräflichen Anwesen, der nun seit dreier jauchzender Wochen daselbst Logis bezog, und dessen überirdischer Genieblick Augustens ruhelosen Busen schon am ersten Abend bedeutungsvoll aufzuwühlen imstande war. Wie hatten sich doch seinen entwaffnend jaspishellen Augen in freudigem Überraschtsein nochmalig erleuchtet, als ihm Auguste in einem vergönnten Momente auf Mittheilung kam, daß auch sie das Pianoforte schlug und seit dem verflosssenen Sommer allwöchentlich Stunde nahm. Viel zu lange, wenn nicht Wochen, hatte Madame de Schmidt, welche in der Residenzstadt ein bedeutendes Institut unterhielt, gezögert, ihre Elevin auch in das Geheimnis der schwarzen Tasten zu weihen, aber nun war man gar bis zur vierdten Kreuztonart vorgedrungen, und das ungewöhnliche Geläufigsein ihrer linken Hand sowie ihr beherzter Pedaltritt berechtigten Auguste binnen Monats Frist zu ernsthaftem Avancement.

 

Dabei war es allein der prophetischen Großmuth der alten Baronin zu danken, daß ein mittelloses Kammerfräulein den Vorzug in der Kunstunterweisung erhielt, welche die beiden jungen Comtessen so schnöde ausgeschlagen, denen es ja ganz nach der Reiterei war, seit Harro von Stoltenburg, ein stattlicher Cousin des jungen Grafen aus dem Merseburgischen, mit der obliegenden Verwaltung des benachbarten Trakehner-Gestüts betraut worden. Nein, Auguste diente der Kunst zuvörderst. Und ihre glänzenden Augen fingen den Titanenblick Maestro Kalkbrenners, dessen gebietendes Marmorhaupt geschmackvoll über der atlasschweren Flügeldecke thronte. Geringschätzig gedachte sie noch ein letztes Mal der leichten gefälligen Quadrillen und Walzer, der Tonblumen und Méditations, Polonaisen und Geschwindgaloppe, welche ihren fragwürdigen Schliff aus den Griffen anderer Töchterinnen zu klingendem Edelstein empfangen mochten. Oho, gar das Gebet einer Jungfrau, welches unter Augusten schon zuweilen recht geraten war, wenn sie wie heute ungestört und mußetrunken dem Klaviere zuschreiten durfte, da die gnädigen Herrschaften gewißlich bis zum Nachtessen ausgefahren, mußte einstweilig verstummen.



"Reverie d'un Fleur" hieß der Tonkunst neuer Himmelsstern, ein Sang von schmeichelnden Sirenen, gefordert und bezwungen von des auffahrenden Ges-dur kühnster Harmonie. Seit Tristan und Isolden hatte die Welt kein feurigeres Vorspiel mehr vernommen. Und einzig Auguste sollte berufen sein, sich diesem in Gänze zu geben? Zwischen Willkür und Ohnmacht geschunden, ergriff sie glutvoll das unendlich kostbare Notenblatt, und beim lockenden Anblick des schwungvollen Namenszuges eröffnete sich wie wundersam ihr malvenrotes Lippenpaar, um in Verzückung die Worte in den entlegensten Winkel des verschwenderisch weiträumigen Salons zu schleudern, welche ihr liebendes Herz zu verschweigen sich nicht länger vor bebender Entkräftung zu enthalten außerstande fühlte.

 

„Karl-Hugo !“

 

Und noch während Auguste wie entseelt der Polsterung des Klavierhockers entsank und auf dem weichen Täbrisflore süß hingebettet sich der Ohnmacht ergab, hielten ihre todesbleichen Hände noch immer das Manuscript in wild verzückter Umklamm


Hier schließt unbegreiflicher Weise das Fragment.

 

 

Augustens Hochzeitsnacht

 

 

Na, was machte die junge Frau Rittmeister für Augen, als ihr beim Erwachen die liebe Freundin Frau Sonne schon munter ins Angesicht strahlte, als wolle sie der schläfrigen Gefährtin mahnend, doch ungezürnt bedeuten: "Nun sieh einmal, nicht ich habe mich verspätet, sondern Madame Schlafmützchen selber geruhten wohl den Hahnenchor zu überhören." Und ein dankbarer Seufzer entflog Augustens halb, aber doch schicklich entblößtem Busen, daß sich ihr an den Schultern sehr schön in Gestick durchbrochenes Nachtgewand nach Launen hob und senkte.

 

Vergessen war jetzt das Ungewitter der in Bängniß verflossenen Stunden, das beredte Heulen des Windes und die kühlen Regengüsse, die vor der Bettstatt des frisch vermählten Paares die eine oder andere blinkende Lache hinterlassen hatten, da man wegen der bedeutenden Schwüle das Altanfenster offenzulassen angehalten war. Früher hätte sich Auguste vor solcherlei Unbilden der Witterung wohl recht gefürchtet, und sie entsann sich mit beinah genehmem Unbehagen jenes Sommers im Gebirge, als sie im Hause der guten Gevatterin die entkräftend zehrende Bleichsucht durch frischen Aufenthalt in der kühlen Luft des Schwarzen Waldes zu lindern hoffte. Krachend waren da die Donnerschläge durch kahle Klüfte getost, und das fahle Dämmerlicht des wächsernen Vollmondes hatte manch gespenstiges Geschatt auf den unlängst getünchten Plafond geworfen, so daß Auguste einzig das zitternde Kätzlein an sich zu schmiegen wußte, welches schon nach erstem zornerfüllten Grollen im nahen Forbachthale mit einem beherzten Sprunge auf die ruhelosen Pfühle der Jungfrau Rettung gesucht hatte. Das behägliche Schnurren der wintzigen Creatur hatte dann auch dem bebenden Mädchenherzen die Ängste der Einsamkeit verscheucht. Und als schließlich die Gevatterin sorgend mit einer irdenen Schüssel dampfender Milch in der niedrigen Thüre erschienen war und dem Kinde mit ihren gütigen zerfurchten Händen das schweißklebende Gelock aus der hohen Stirne gestreift hatte, war alle dräuende Furcht der willkommenen Ruhe liebender Geborgenheit gewichen.

 

Heute nun hatte ihr kein Katzenthier, kein Behältniß mit süßem Rahm über den Schrecken hinweggeholfen, nein, hier ruhte ein zärtlicher Gatte mit ihr nebander, dessen gleichmäßige Athemzüge, bereichert durch gelegentliches Röcheln der struppig bebärteten Nasenflügel, Auguste wohlig an das schnurrende Miezchen ihrer Mädchenzeit gemahnte. Und als ein besonders vorwitziges Sonnenstrählchen in Karl-Hugos linke Nasenöffnung einzuleuchten sich getraute, die kunstvoll gestickte Bartbinde sich langsam aber mählich, den nächtlichen Erschütterungen zufolge, aus ihrer tadelnswert nachlässig angelegten Verschnürung zu lockern anschickte, und beim folgenden stoßweise kraftvollen Athemholen den buschig rotblonden Lippenschmuck des Gemahls der Welt preisgab, sofern sich diese in der Abgeschiedenheit der Ruhekammer befand, konnte Auguste sich eines verschämten Kicherns, welches sie aber sogleich zu unterdrücken suchte, da es einer reiflich vermählten Rittmeisterin nicht gut anstand, nur mit einiger Müh enthalten. Ei Potz, wäre der Gatte wohl nun erwacht! Aber das schwere Festbier, von welchem er sicher einige Prunkgefäße zu allgemeinem Wohlleben mit Honoratioren von tout Erbersbronn bis nach Mitternacht durstig geleert hatte, nicht gerechnet die Mühen körperlicher Prüfung, wie sie in jedem gut christlichen Ehebunde den erschöpfenden Tribut fordern, hatten Karl-Hugos Schlummer, der seit dessen ferner Knabenzeit nur durch Außer-Gewöhnlichkeiten zur Störung empfänglich war, gestählt, während sein Bräutchen durch alle die Begebnisse und Neuigkeiten zukünftigen Ehestandes, kaum den Schlaf zu finden imstande gewesen war. Und doch, wiewohl sie am dunkelgrünen Kloster-Liqueure der Barmherzigen Brüder von Sankt Wilfriedi schon zuweilen genippt hatte, an diesem noch jungen ersten Hochzeitstage sich bereits hell und munter dem Gefährten zuwandte und seines Erwachens mit Ungeduld harrte.

 

Ja, Auguste kannte solcherart Erwartung wohl und schloß von neuem ermattend die Lider. Sie entsann sich, als wie mit dem Pinselstriche contourirt, eines entlegenen Weihnachtsmorgens, als sie noch allabendlich die glänzenden Flechten zu lösen und zu bürsten als ihr willfährig geduldetes Los trug, die ihr die Stiefmutter am sechzehnten Geburtstage mit der scharfen Schere genommen und seither in dem lieblichen Kistlein von Kirschenholz, dem armseligen, aber innig geliebten Vermächtnisse der seligen leiblichen Mutter, wohlverwahrt die Ruhe gefunden. Wie hatte sie, toll vor Ungeduld, des Erwachens herbeigesehnt, um sich von neuem dem flitterbesetzten Paraderösslein in kindhaftem Spiele bis zur Ermattung zu widmen. O gewiß hatte es unter dem Thannenbaume mancherlei blinkender Ergötzlichkeiten für die Kleinen zu bestaunen gegeben, allein waren all die prunkenden Päcklein und Angebinde für die Buben und Halbgeschwister bestimmt gewesen, welche Auguste ob ihrer bescheidenen Bettelgaben nach Launen zu hänseln sich kaum enthielten. Was war auch schon eine vom Großknecht mühevoll mit der stumpfen Feile einem Birkenklotze entrungene Pferdegestalt, welche die alte Gertraudis eher nothmehrend als herrlich mit einem geblaßten Tuchreste vernähten Saumes aufgeputzt hatte, gegen eine schneidige Cadetten-Uniform sammt Säbel und aufgeworfener Ehrenhaube, gegen Eisenbahn und Zuckerzeug, Trommelwerk und Lederpeitsche? Keiner der ungestümen Knaben hatte das herzige Rösslein auch nur bemerkt, bevor Auguste nach fragender Rücksprache mit den gewährenden Blicken der sonst so gestrengen Erzieherin sich des verschmähten Geschenkes angenommen.

 

Wie waren ihr da die Stunden in liebevoller Umkosung des freundlichen Hengstes verflogen! Prinzeßchen der Cavallerie, das hatte sie nun für immer sein wollen auf ihrem geschmückten Paradethier. Und wenn sie auch den Rappen zärtlich auf dem rastlosen Schooße umfangen hielt, so war es doch in ihrem Denken nicht anders, als wenn sie selbst im Sattel dem Gaule vom Zaum gab, während die dichten Reihen schmucker Garde-Officire ihr mit verliebten Wimpernschlägen den Salut geboten. Doch im herrlichsten Spieltraume erschien barsch die Stiefmutter und schloß den hölzernen Gefährten bis zum andertagigen Morgen in den mächtigen Haferschrank auf dem Wirtschaftshofe. Und wenn auch Auguste ohne Widerspruch duldete, daß sie ob des Umganges mit Knaben-Geräth gescholten und vor der Zeit hungrig nach dem Bette in die frostkalte Kammer geschickt wurde, so wußte sie doch den Kameraden während der dunklen Nacht sattsam versorgt und mühte sich in der winkenden Aussicht auf Fortgang der neuen Freundschaft bei Sonnenaufgang, bald als irgend nach dem Abendgebete einzuschlafen, nicht ohne das liebe Rösslein in die fromme Fürbitte einzuschließen. Alsbald entdämmerte Auguste in seligen Schlumm...


 


"Hapschuuh !" Mit einem gewaltigen Schnäuzer war eben Karl-Hugo von Bornstetten erwacht. Vom Luftzuge ermächtigt, segelte die Bartbinde vollends aus seinem Gesicht und landete ohne Umwege im halbgefüllten Nacht-Geschirr.

 

 

 

 

 

Iphigenie in Aurich

 

 

 

Ein

 Friesisches Trauerspiel

in fünf Aufzügen

mit Gesang

 

von

Elisabeth Runghold

 

 

 

 

 

 

P e r s o n a l

 

 

Agamemnon, König von Theben

Ödipus, noch ein König von Theben

Orest, genannt Onno
Elektra, genannt Elfi

Klütschen-Nestra, Gastwirtsfrau aus Dagebüll

Iphigenie, ein junges Ding

 

2. Bild
Strand von Harlingersiel. Ebbe.
(Iphigenie liegt ohnmächtig im Schlick zwischen dekorativen Seesternen und Strandgut. Sie kommt langsam zu sich.)


Iphigenie   Ihr Götter, weh mir, ist 's Verblendung ?
An wes Gestade lieg ich da ?
Von Troja trieb der Welle Wendung
Mich ab. Ist das nun Ithaka ?
(blickt angewidert um sich)
Nach Tang und Teer tut es recht riechen,
doch dünkt mich fern das Mittelmeer.
(Orest und Elektra erscheinen)
Man kömmt geschritten. Sind dies Griechen ?
Sagt an, ihr Leut', wohin ? Woher ?

Orest     Wat hat se secht ? Ik hev nix verstan.

Elektra  De is nich von hier. Dat süt man ör an.

Iphigenie   Welch fremder Laut dringt an mein Ohr ?
Kömmt fast wie das Orakel vor,
das mir einst weisgesagt in Delphi.

Elektra   Se snackt von mi. Se har secht "Elfi".

Orest      Du tünst all wedder

Iphigenie   Salámis und Euböas Förde
hat mich der Wind hindurchgeschifft.
Poseidon doch, des Meers Behörde,
hat Ruders Riemen dann gerifft,
daß ich zerscholl an der Charybde.
Übel ward mir und ich brach
mein grad geleistetes Gelübde,
als also ich zum Meere sprach:
"..."
Als der Wogen Wut ertobte,
ward der Busen mir bald blaß,
daß dem Gotte ich gelobte,
käm ich trocken aus dem Naß,
würd ich ihm das Liebste schenken,
was mir fest am Herzen hing.
Nun, ihr Fremden könnt euch denken,
daß ich sprach vom Rettungsring.

 


Alle Rechte bei Peter Bieringer